4. Abschied von Wien

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Franz von Dingelstedt: 4. Abschied von Wien (1847)

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Wie bleich, wie hold, wie schmachtend hingegossen
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Sie daliegt, die gefährliche Sirene,
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Die dunklen Augen träumerisch geschlossen,
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Das Haupt geneigt an ihrer Berge Lehne!
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Es geht ein süßes, winkendes Erwarten
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Wie Nachtigallen-Locken durch die Flur,
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Die Brunnen murmeln heimlich in den Garten,
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Die Zweige lallen: Komm, o komm doch nur!

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Entschlafen sind Sankt Stephans Wächtersorgen,
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Verstummt die Mahnungen des treuen Flusses;
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Wie fern der nüchterne, der strenge Morgen,
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Wie lang die Nacht entfesselten Genusses!
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Nun hat sie abgestreift die letzte Hülle,
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Den grünen Gürtel der Glacis gelöst,
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Frei glänzt und nackt der Schultern Marmorfülle
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Und Arm und Busen jedem Wunsch entblößt.

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Sieh, durch verhangne Fenster schimmert lüstern
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Der Mond, im Laube rauscht's wie Regentropfen,
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Verbotne Schritte rascheln, Küsse flüstern,
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Und Herz am Herzen hört sich glühend klopfen!
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Ein Meer von Liebe schlägt in heißen Wogen
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Hoch über dem entzückten Tale hin,
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Zum Vorhang wandelt sich des Himmels Bogen,
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Ganz Wien in eine Venus-Priesterin!

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Buhldirne Du, die hinter der Gardine
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Allnächtlich ihre Phallos-Feste feiert,
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Und morgens früh mit Magdalenen-Miene
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Im Beichtstuhl heuchelnd ihr »Absolve« leiert;
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Kannst Du mit Wollust nur ein Leben würzen,
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Dem jede geist'ge Kraft und Weihe fehlt,
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Und nur in des Genusses Abgrund stürzen,
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Von keinem heiligeren Drang beseelt?

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Ja, Du bist schön in Deinem Rosenkranze,
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Die Blüte der Verheißung auf den Wangen,
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Wenn Du vorüberfliegst im wilden Tanze,
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Begehrlich von der Männer Brunst umfangen!
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In Deinem Schoß sich welt-vergessen wiegen,
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Versinken gehn in weicher Arme Bucht,
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Und Deinem Zauber taumelgleich erliegen, –
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Wohl ist's ein Ziel, das Götter selbst versucht.

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Ich fliehe, Weib, um nicht vor Dir zu knien,
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Auch einer von den Proselyten-Scharen;
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Du wirst mich nicht auf Deinen Purpur ziehen,
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Weib Potiphars, – laß meinen Mantel fahren!
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Vor meinen Blicken schwebt in keuschem Lichte
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Ein andres Bild, das meiner Seelen-Braut,
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Der hab' ich mich im Leben, im Gedichte
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Mit deutschem Wort auf ewig angetraut.

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Ihr Aug' ist schön, ob minder schön, als Deines,
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Es strahlt nur Frieden, Deines flammt Entzücken,
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Dein Kuß ist Glut, der ihre nur ein reines,
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Ein hauchendes und flüchtiges Beglücken;
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Du neigst Dich ganz in duldender Gewährung
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Und ziehst die Deinen stark hinab zu Dir,
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Sie schwingt sich stets in züchtiger Verklärung,
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Lächelnd und wehrend, aus den Armen mir.

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Ihr Kummer furchte nimmer Deine Stirne,
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Doch schwellt ihr Stolz auch nimmer Deine Adern,
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Du ahnst die Lust nicht, heitre Schmeicheldirne,
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Mit Sklaven und Tyrannen kühn zu hadern;
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Ein Kind der Glücklichen, hast Du mit Armen
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Und mit Gefangnen nimmermehr geweint,
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Hast nie des Himmels Frieden voll Erbarmen
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Mit unsrer dunklen Erde Kampf vereint.

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Geh und berausch, betäube Dich auf's neue,
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Versuch's, die rasche Stunde festzuhalten;
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An Deinem Antlitz nagt doch stille Reue,
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Und Überdruß zerreißt's mit grauen Falten.
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Um eine Nacht, dann welken Rosen-Kränze,
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Und Deiner Reize blühend' Reich zerfällt,
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Der Lorbeer aber grünt im ewgen Lenze,
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Und ihr, der andren ist die junge Welt.

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Du kennst sie nicht, Du wirst sie niemals kennen,
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Ihr zwei könnt nirgends mit einandergehen,
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Und wollt' ich Dir den teuren Namen nennen,
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Dir ist er tot, Dir schwerlich zu verstehen.
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Fühlst Du's, so schlag beschämt die Wimper nieder,
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Denn eben weht ihr Gruß von Osten her;
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Der Tag bricht an – Gottlob! Ich hab' mich wieder:
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Die Lieb ist viel, doch ist die Freiheit mehr!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz von Dingelstedt
(18141881)

* 30.06.1814 in Halsdorf (Wohratal), † 15.05.1881 in Wien

männlich, geb. von Dingelstedt

deutscher Dichter, Journalist und Theaterintendant

(Aus: Wikidata.org)

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