Wo Du einst, im Arm die Harfe, gingest Deine Dichterpfade

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Franz von Dingelstedt: Wo Du einst, im Arm die Harfe, gingest Deine Dichterpfade Titel entspricht 1. Vers(1847)

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Wo Du einst, im Arm die Harfe, gingest Deine Dichterpfade,
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Durch die Kaiserstadt und längs der Donau lustigem Gestade,
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Bin ich jüngst Dir nachgeschritten, treulich und mit frommem Fuß,
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Dich im Munde, Dich im Herzen, edler Anastasius!

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War mir doch, als ob die Welle grüßend Deinen Namen rauschte,
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Ob Dein Auge, groß und feurig, aus dem Grün der Reben lauschte,
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Um den Kalenberg ergoß sich und den Felsen Leopold
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Deiner Dichtung lichter Nimbus und der Abendsonne Gold.

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Ja, es waren diese Bäume, die um Deine Stirn gesäuselt,
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Hier am Söller hat der Nachtwind Deine Locken kühl durchkräuselt,
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Dort hast Du geruht im Grase, ewiger Gedanken voll,
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Als das hohe Lied vom Frühling glühend Deiner Brust entquoll.

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Aber, Wunder! wo Du gingest, über Dornen und Gebeine,
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Keimten unter Deinen Schritten Blumen aus dem dürren Steine,
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Und Dein Blut, die Spur des Weges, das auf leere Blätter floß,
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Sieh, wie es in rote Rosen überall befruchtend sproß!

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Das ist wahrer Dichtersegen: auch den Schutt in Brot verwandeln,
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Brunnen zaubern aus dem Felsen, und, wo andre reimen, handeln;
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Ein Poet in Werk und Worten tatest Du wie keiner tat,
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Dafür reift auch rings im Lande tausendfältig Deine Saat!

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Und daß unter Korn und Blumen auch die Schlange Dir nicht fehle,
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Zischt nun heimlich die Verleumdung um die offne Dichterseele,
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Der Verdacht mit Lauerblicken schleicht er um Dein sichres Haus,
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Und weil Du in Liebe schlummerst, schreit er Dich für – scheintot aus.

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Tritt ihn nieder, letzter Ritter, diesen schadenfrohen Drachen,
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Komm, daß wir die elke Lüge durch ein Lied zu Schande machen,
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Sag es, daß Du nimmer treulos uns und Dir gewesen bist,
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Daß Dein Dichterschild so rein noch, wie Dein Grafenwappen ist!

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O sie will es nie begreifen, ihre Prosa und Gemeinheit,
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Daß ein Geist wie Du, ein Name bürgt für der Gesinnung Reinheit,
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Nur das Schlechte glaubt sie willig, und wo wer zu wanken droht,
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Zerrt sie ihn mit frechem Jubel zu sich nieder in den Kot.

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Du erliege nicht und weiche ihren Stein- und Hagel-Würfen,
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Wisse, daß Dir alle trauen, die sich selbst noch trauen dürfen.
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Aber weh, wenn erst der Dichter an dem Dichter zweifeln muß ––
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Ach, nur das nicht auf uns alle, das nicht, Anastasius!

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Schön auf Deiner Väter Schlosse mag sich's rasten, träumen, lieben,
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Doch wann sind die Adler jemals lang' auf ihrem Horst geblieben?
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Nicht der Muße kann gehören, wer der Muse angehört,
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Und schon Schweigen ist Verbrechen, wenn zum Reden sie beschwört.

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Steig herab von Deinen Alpen, laß die Almen und die Tale,
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Statt auf Deiner Hirten Flöte horch auf unsre Hornsignale,
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Reiß Dich aus dem Schoß Armidas, säumender Rinaldo, los –
44
Glücklich kannst Du nicht mehr werden, warum warst Du einmal groß?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz von Dingelstedt
(18141881)

* 30.06.1814 in Halsdorf (Wohratal), † 15.05.1881 in Wien

männlich, geb. von Dingelstedt

deutscher Dichter, Journalist und Theaterintendant

(Aus: Wikidata.org)

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