Bis hierher und nicht weiter! Hier die Grenzen, –

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Franz von Dingelstedt: Bis hierher und nicht weiter! Hier die Grenzen, – Titel entspricht 1. Vers(1847)

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Bis hierher und nicht weiter! Hier die Grenzen, –
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Betrachte diesen Pfeiler, dieses Schild!
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Siehst du, in Schwarz und Gold gemalt, es glänzen
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Des Doppeladlers dräuendes Gebild?
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Hier gilt's zu scheiden von der Heimat Lenzen,
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Von deines Südens blühendem Gefild, –
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Kehr um, wenn dir das Leben lieb geworden,
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Denn hier beginnt die Not, die Nacht, der Norden.

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Das ist kein Adler, wie die Adler alle:
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Dem Licht zuwider geht sein schwerer Flug,
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Von Raub und Blut trieft die gewetzte Kralle,
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Die schon so manches Wild daniederschlug,
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Die jüngst den Nachbar-Aar gebracht zu Falle,
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Den weißen, der Polonia's Banner trug ...
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Ihn sahn wir sinken, sahn den andern steigen
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Und taten, – was wir immer müssen: – schweigen!

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Ob er mit seinen breiten Rabenschwingen
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Der Sonne Strahl den heitren Durchgang wehrt,
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Ob er, gewöhnt zu siegen und zu zwingen,
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Mit jedem Tag die Kraft der Fänge mehrt,
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Was kümmert's uns, die wir vor andren Dingen
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Uns fürchten, westlich stets den Blick gekehrt?
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Wir fühlen nicht, bis uns im eignen Nacken
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Die Klaun des Unersättlichen erst packen.

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Ein Schritt nur, und ich stünd' in seinem Reiche,
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Da drüben grünt, wie hier, dasselbe Gras.
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Und doch, wo in der Welt wär' eine gleiche
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Titanenkluft, so sonder End' und Maß?
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Diesseits Europa, das gedankenbleiche,
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Jenseits die neue Jugend Asias,
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Hier die Kultur, die satte, dort die rohe,
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Die ungeübte Kraft, die tatenfrohe!

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Was frommt's, daß auf geduldigem Papiere
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Ihr für die Euren fügsam sie erkannt?
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Es hat Natur dem Menschen wie dem Tiere
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Den Stempel unauslöschlich aufgebrannt,
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Behaltet Euer Teil, und sie das Ihre,
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Nur sagt nicht, daß Ihr Zwei aus einem Land;
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Viel fester stehn als auf gemalten Karten
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Im Geist der Völker ihrer Grenze Warten.

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Seid ihr verwandt mit Finnen und Kalmücken,
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Mit Slawen, die einst Rurik hergeführt?
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Wollt Ihr die Hand dem Samojeden drücken,
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Der auf dem Schnee nach Bär und Elen spürt,
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Und dem Mongolen, dessen Sklaven-Rücken
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Alltäglich noch des Zuchtherrn Knute rührt?
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Und wollt Ihr flehn, wie sie seit tausend Jahren:
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Erst betet Gott an und darauf den Zaren!?

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Natur hat selbst den Unterschied gerissen,
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Ihn gleicht die Kunst nicht aus, nicht Zeit und Macht.
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Dort liegt sie mondenlang in Finsternissen
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Des Winters, eh einmal ihr Auge lacht,
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Kaum schmilzt das Eis von den gefangnen Flüssen,
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Kaum dämmert's in Sibiriens Bergwerks-Nacht,
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Ein Todeshauch, wie aus des Nordpols Gegend,
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Durchfröstelt alles Land, Schauer-erregend.

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Ihr meint, der Nord kann Euer Feld nicht streifen,
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Die Nacht nicht Euren Himmel überziehn?
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Kurzsichtige! Wenn sie zum Schwerte greifen,
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Wohin nur vor der Macht der Masse fliehn?
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Schon seh' ich sie durch Eure Städte schweifen,
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Wie einst als Freunde, plündernd her und hin, –
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Denn Stillstand ist bei Riesenleibern nimmer,
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Bewegung heischt die Selbsterhaltung immer.

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Wohlan! Ich schleudre ahnend meine Lanze,
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Den Liederpfeil, hinüber in dein Reich;
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Rück an und fordre uns zum Waffentanze,
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Zum Völkerkampf, zum Einzel-Schwerterstreich!
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Wir schmücken unser Haar mit grünem Kranze,
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Die Brust mit einem muntren Eichenzweig,
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Den Spartern ähnlich, die vor Hellas Toren
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Ihr Leben im Barbarenkrieg verloren.

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Los auf und lasse deine Neu-Barbaren,
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Den Strom, den nur mit Müh' ein Damm gehemmt,
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Ansprengen, heiß den flüchtigen Tataren
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Und den Kausasier, auf's Kamel gestemmt,
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Und den Kosacken, welcher raub-erfahren,
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Im Don sein Roß, sich selber niemals schwemmt,
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Und die von ihres Irtisch öden Steppen
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Auf Schlitten mühsam sich zusammenschleppen.

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Das balle, dein Geschütz und deine Horden
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Und dein Getier, in einen wüsten Knäul,
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Und schleudre, einen Blitz aus hohem Norden,
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Vernichtend auf uns nieder deinen Gräul.
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Geschehe, was da muß! Erfüllt ist worden
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Die Zeit! So klagt Kassandra's Wehgeheul,
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Und ächzend unter deiner Schlaglawine
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Wird Deutschland eine warnende Ruine!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz von Dingelstedt
(18141881)

* 30.06.1814 in Halsdorf (Wohratal), † 15.05.1881 in Wien

männlich, geb. von Dingelstedt

deutscher Dichter, Journalist und Theaterintendant

(Aus: Wikidata.org)

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