Du Stadt der Bildung und des Tees, der Künste und der Nücken

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Franz von Dingelstedt: Du Stadt der Bildung und des Tees, der Künste und der Nücken Titel entspricht 1. Vers(1847)

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Du Stadt der Bildung und des Tees, der Künste und der Nücken,
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Leb wohl, der Dichter weist enttäuscht auf ewig dir den Rücken!
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Kalt dünkt' es ihm, so lang er saß in deinen stolzen Mauern,
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Und niemals wollt ihm drin ein Lied, ein heimatliches, glücken.
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Für schweres Gold erkauft' er sich nur federleichte Liebe
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Und konnte keine Männerhand warm und vertrauend drücken.
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In deinen Linden wohnt kein Lenz, kein Herz in den Palästen,
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Und sollten sie durch Pracht und Glanz den Blinden selbst entzücken;
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Auf deinen Straßen hüpft geschminkt die Armut und die Lüge,
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Verleumdung schlägt und Heuchelei dem Laster goldne Brücken,
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Und wenn die Frömmler vor dem Kreuz sich tief und süßlich bücken,
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So wissen sie doch tiefer noch vor Kreuzen sich zu bücken,
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Dein König räumt und baut in dir, er schafft mit Allmachts-Händen
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Nichts mehr als ein musivisch Werk aus hundert-tausend Stücken,
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Die Dichter ruft er fern und nah, die Maler und die Sänger
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Und stopft mit großen Namen aus der großen Männer Lücken.
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Die Namen tun es freilich nicht, und sein sie europäisch,
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Sie können nur als Säulenzier des Tempels Neubau schmücken;
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Doch nur der Jugend tapfre Hand, nur frischer Geister Streben
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Kann von dem Baum der Gegenwart lebend'ge Früchte pflücken.
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Leicht welkt der beste Lorbeerkranz auf alters-kahler Scheitel,
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Und ein Genie geht auch nicht weit auf Stelzen oder Krücken.
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Ihr schreit genug, Ihr schreibt genug, Ihr seht durch Eure Brillen
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Im Kater einen Löwen gleich und Adler in den Mücken;
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Wir aber, hinterm Berge hier, wir lassen uns nicht blenden,
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Wir wissen auch, was rechtes Haar, was Zöpfe und Perücken.
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Das sag' ich Euch in vieler Sinn, und sollt' es Euch verletzen,
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So mögt Ihr Euch am rechten Fleck ganz ungehindert jücken.
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Und wär' ich schlechten Reimen hold, ich wüßte wohl noch manches,
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Das trefflich paßt auf Euren Stolz, auf Eure alten Tücken:
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Ihr wißt doch, was »ersticken« heißt, was »zwicken«, »flicken«, »knicken«,
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Was geistige »Fabriken« sind und stille »Katholiken«, –?
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Allein ich hab' es selber satt und weise, mit Behagen,
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Du eitle, kalte, falsche Stadt auf ewig dir den Rücken! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz von Dingelstedt
(18141881)

* 30.06.1814 in Halsdorf (Wohratal), † 15.05.1881 in Wien

männlich, geb. von Dingelstedt

deutscher Dichter, Journalist und Theaterintendant

(Aus: Wikidata.org)

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