Ein Königreich hab' ich gesehen

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Franz von Dingelstedt: Ein Königreich hab' ich gesehen Titel entspricht 1. Vers(1847)

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Ein Königreich hab' ich gesehen,
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So eins gibt's auf der Welt nicht mehr:
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Mit offnem Munde blieb ich stehen,
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Und sah und staunte rings umher.

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Das war ein Wohlsein allerwegen
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In Haus und Hof, zu Stadt und Land,
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Ein rechter reicher Gottes-Segen,
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Wie ihn mein Auge nirgends fand.

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Die Straßen statt von Kriegsmilizen
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Waren von Bürgern reich belebt,
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Der Hafen hat von Mastenspitzen,
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Von Rädern die Chaussée gebebt.

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Von Polizei- und Amts-Verboten,
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Von Maut-Tarif und Brückengeld,
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Schlagbaum und andren Schwerenoten
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War auch nicht eine ausgestellt.

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Und drinnen? – O da hat ein Glaube
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Ganz ohne Pfaff und Priesterstand
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Leuchtend, wie einst des Geistes Taube,
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Geschwebt ob dem beglückten Land.

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Und keine Spur von Mystizismus,
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Von Dunkelmänner-Muckerei,
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Selbst Luthertum, Katholizismus
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Und Gar-Nichts galt für einerlei!

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Und Schrift und Wort war freigegeben,
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Die Presse seufzte Tag und Nacht,
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Jedwede Kraft und jedes Streben,
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Wenn echt, ward wirksam auch gemacht.

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Vom König war nicht viel zu sehen,
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Und doch schien er an jedem Ort,
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Und wollt' er wo zu Fuße gehen,
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Trug man ihr auf den Händen fort.

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Die Stände zeigten so viel Dummheit,
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Als guten Ständen nötig tut,
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Mehr Rührigkeit und minder Stummheit
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Und just den rechten Redemut.

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Mätressen gab es und Spione
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Als Rarität ein Paar im Land,
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Und für die Zeitung der Barone
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Im Tollhaus einen Pränumerant.

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Und Freiheit lag und grüner Friede
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Und Überfluß und Lebenslust
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Wie eine blitzende Ägide
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Gar herrlich ob des Reiches Brust.

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Die Dichter sangen wie sie wollten,
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Der eine hart, der andre weich,
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Und keiner ward darum gescholten,
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War er nicht einer Schule gleich.

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Noch hatt' ich, ganz in Schaun verloren,
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Des Besten Laute still gelauscht,
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Als plötzlich, dicht vor meinen Ohren,
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Ein fremder Klang vernehmlich rauscht.

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Ich – wachte auf – .. Wo? – Im Gefängnis,
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Vom Klirrn der Kett' an meinem Fuß ...
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O unglückseliges Verhängnis!
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Daß man auch stets erwachen muß!

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Vor meinem Fenster stund das Gitter
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So fest wie früher in der Mauer,
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Und über mir sang – ohne Zither! –
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Ein Strauchdieb seinen Gassenhauer.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz von Dingelstedt
(18141881)

* 30.06.1814 in Halsdorf (Wohratal), † 15.05.1881 in Wien

männlich, geb. von Dingelstedt

deutscher Dichter, Journalist und Theaterintendant

(Aus: Wikidata.org)

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