1.

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Franz von Dingelstedt: 1. (1847)

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Allmächt'ger Frühling, deck mit deinen Ranken,
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Mit deines Rasens Grün dies Trümmer zu,
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Und sing ein Volk von hoffnungslosen Kranken
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Durch deine Nachtigallen süß zur Ruh'!

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Vergeude nicht an andre deine Schätze,
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Spar deinen Lebenshauch, hier tut er not;
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O komm und weine auf die wüsten Plätze,
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Wo Brand und Kampf und Pest und Mord gedroht!

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Hier stand ein Haus, wo jetzt auf morschen Ständern
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Ein Truggebild sich haltlos wiegt und streckt,
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Hier blühten Saaten, wo auf brachen Ländern
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Gestrüpp und Schlingkraut heut den Boden deckt.

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Wes war die Hand, die unter sichre Dächer
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Zuerst die Fackel der Zerstörung hielt,
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Die in dem Innren friedlicher Gemächer
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Auf treue Männer mörderisch gezielt?

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Wer zog die Stützen eines sichren Lebens
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Dem Volke fort und brach der Väter Eid?
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Wer schlug die Kraft des edlen Gegenstrebens,
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Durch Lug und Trug, durch Zwang und Drang und Leid?

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Verbotne Fragen! ... Trage in der Stille,
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Was zu ertragen sich ein Volk entschloß;
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Unendliches vermag ein ehrner Wille,
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Und ach! die Zeit trägt böse Frucht im Schoß.

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Sieh, wie gebeugt die weisen Häupter alle,
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Sieh, wie zerrissen jede Kraft im Staat,
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Es schwankt das Land, gleich einem irren Balle,
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Von Pol zu Pol und weiß sich keinen Rat.

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Parteiung schleicht in seinem Heiligtume
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Gefährlich um, Mut und Vertrauen wankt;
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Weh, armes Volk, weh deinem alten Ruhme,
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Dein Herz ist hart getroffen und erkrankt.

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Aufwärts die Blicke aus dem nächsten Grauen
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Der Gegenwart; nicht ewig währt die Nacht!
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Wer weiß, wie bald die Himmel wieder blauen?
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Wer weiß, wie früh ein deutsches Volk erwacht?

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Der Frühling ist zurück ins Land geflogen,
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Ihn hemmte weder Maut noch Polizei,
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Frei schreitet er einher und ruft den Wogen,
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Den Wäldern zu, den Wiesen: Ihr seid frei!

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Und tausend Stimmen, die im Chor erwidern,
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Und tausend Kräfte, die sich neu geregt;
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Hört nur, wie ihres Heeres schmucken Gliedern
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Die Lerche mahnend die Reveille schlägt!

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Getrost, getrost! Dein Frühling auch wird kommen.
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Vielleicht, du ahnst es nicht, ist er schon nah;
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Und wird, zu schwer, dein Kreuz dir nicht genommen,
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Ei nun! so wirf es ab! du kannst es ja!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz von Dingelstedt
(18141881)

* 30.06.1814 in Halsdorf (Wohratal), † 15.05.1881 in Wien

männlich, geb. von Dingelstedt

deutscher Dichter, Journalist und Theaterintendant

(Aus: Wikidata.org)

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