Es war im Mai, die Luft war rein

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis: Es war im Mai, die Luft war rein Titel entspricht 1. Vers(1785)

1
Es war im Mai, die Luft war rein;
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Doch konnt' ich mich nicht freuen.
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Ich nahm den Stab und ging allein,
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Die Sorgen zu zerstreuen,
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Auf einen Hügel, um zu sehn
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Die liebe Sonne untergehn.

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Da schlingt ein schmaler Pfad sich hin
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Durch Haselbüsch' und Schlehen;
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Rechts Rebenberge, frisch und grün,
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Links goldne Saaten stehen;
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Auch trifft man manchen Nußbaum an,
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An dessen Fuß man ruhen kann.

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Ein Tannenwald, mit süßem Duft,
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Empfängt dich, kömmst du weiter;
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Durch grüne Zweige glänzt die Luft
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So himmelblau und heiter!
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Scheint sonst die Sonne heiß und schwül,
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So ist's doch schattig hier und kühl.

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Sieh da! vor dir das alte Schloß,
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Einst wohnten Ritter drinnen;
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Jetzt wachsen Fichten schlank und groß
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Hoch auf der Mauer Zinnen.
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Im Turme, sonst so stark und fest,
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Schwebt itzt die Eule um ihr Nest.

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Ihr glaubt vielleicht: ich sollt euch hier
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Von Geistern was erzählen;
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Allein für diesmal möchtet ihr
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In eurer Rechnung fehlen –
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Trotz meiner Amme Unterricht
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Sah ich doch keine Geister nicht!

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Von Hexen weiß ich auch nicht viel,
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Das muß ich frei bekennen;
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Nie sah ich sie auf Besenstiel
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Und Ofengabel rennen.
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Manch' runzlicht triefendes Gesicht
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Kannt ich – doch keine Hexe nicht.

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Was ich selbst sah, erzähl' ich nur;
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Kein Märchen will ich machen;
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Ich liebe Wahrheit und Natur:
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Mit ihren Alltagssachen
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Sind sie mir immer neu und schön,
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Daß ich sie nie genug kann sehn.

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Schön, rot und golden war der Strahl
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Der Sonn' im Untergehen;
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Die Aussicht von der Burg ins Thal
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War herrlich anzusehen.
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Ich setzte mich auf einen Stein
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Und blieb da stundenlang allein.

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Immer dunkler rings um mich
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Schien die Natur zu schweigen;
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Am blauen Himmel fingen sich
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Die Sterne an zu zeigen;
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Vom nächsten Dörfchen schallte schon
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Der Abendglocke Feierton.

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Im Epheu säuselte der Wind
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Längst an des Schlosses Mauer.
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Ich mußte weinen wie ein Kind;
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Versenkt in tiefe Trauer
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Dacht' ich nur Trennung, Tod und Grab –
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Und starrt' ins enge Thal hinab.

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Still lag es da im Mondenlicht;
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De Fluß glänzt' wie ein Spiegel.
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Die Thränen wischt' ich vom Gesicht
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Und stieg hinab vom Hügel:
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Mir war itzt wohl; mein Busen schwoll,
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Von Freud' und süßer Wehmut voll.

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Getröstet dacht' ich so im Gehn:
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Der diesen Mond hieß scheinen,
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Der diese Sterne schuf so schön,
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Will nicht, daß wir hier weinen.
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Dort oben find' ich einst gewiß
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Die, die das Schicksal mir entriß.

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Und endlich kam ich froh nach Haus,
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Ging in mein stilles Zimmer;
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Sah lang zum Fenster noch hinaus
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Die Flur im Silberschimmer.
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Ich freute mich der Erde Pracht
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Und schlief erst ein um Mitternacht. –

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Nun hiemit endet sich mein Sang,
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Doch ahndet mir die Klage:
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Solch' Zeug macht uns die Zeit nur lang,
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Geschieht auch alle Tage! –
83
Ihr lieben Leute, es ist wahr:
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Hier ist nichts neu, nichts sonderbar.

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Doch zieht die Lehre euch daraus:
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Wenn euch die Sorgen drücken,
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Geht in das weite Feld hinaus;
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Trost wird euch da erquicken.
89
Im Leiden Mut und Labung nur
90
Gewährt die heilige Natur!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis
(17621834)

* 26.12.1762 in Schloss Bothmar, † 29.01.1834 in Schloss Bothmar

männlich, geb. Salis

Schweizer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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