4. Elegie an mein Vaterland

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gaudenz von Salis-Seewis: 4. Elegie an mein Vaterland (1785)

1
Über trennende Thäler und Hügel und flutende Ströme
2
Leite mich, wehendes Flugs, hohe Begeisterung hin!
3
Wonne! Dort hebt sich die Kette der eisbepanzerten Alpen!
4
Meine Locken umweht reinere, himmlische Luft.
5
Unter mir spiegelt sich Zürich in bläulich versilberten Wassern,
6
Ihre Mauern bespült plätschernd die Wallung des Sees.
7
Kähne, mit schneidendem Ruder, durchgleiten die schimmernde Fläche,
8
Von des Traubengestads schrägen Geländern umragt.
9
Weiter schwebet mein Geist! Schon dämmert in schwindlichter Tiefe,
10
Zwischen Felsen gepreßt, Wallenstadts grünlicher See.
11
Eschen und bräunliche Tannen umdunkeln sein einsames Ufer,
12
Und im öden Geklüft bauet der Reiger sein Nest.
13
Schneller wehet mein Flug! Dort schimmern die rhätischen Alpen,
14
Und wie durch purpurnen Flor leuchtet ihr ewiges Eis.
15
Vaterland, sei mir gegrüßt! Der hehren Scenen so manche
16
Steigt in der großen Natur schrecklicher Schönheit empor;
17
Ragende Felsenzinken mit wolkenumlagerter Spitze,
18
Welche kein Jäger erklomm, welche kein Adler erflog;
19
Blendender Gletscher starre, kristallene Wogen mit scharfen,
20
Eisigen Klippen bepflanzt, wo, durch umnebelte Luft,
21
Schneidenden Zuges, die Gähe hinunter die wälzende Lauwe
22
Rollet den frostigen Tod; wo im Wirbel des Nords
23
Und im krachenden Donner der tiefaufberstenden Spalten,
24
Kaltes Entsetzen und Graun lauschende Wandrer ergreift;
25
Dort die Hirtenthale, von silbernen Bächlein bewässert,
26
Und vom Schellengeläut' weidender Kühe durchtönt;
27
Äcker, wo stachlichte Gersten bei bebendem Roggen dahin wogt,
28
Lichter Haber begrenzt bräunliches Furchengestreif.
29
Welch ein frohes Gemisch! Es sprießen die herrlichen Bilder
30
Zahllos, wie Blumen im Lenz, vor der Erinnerung Hauch.
31
Doch, mich weckt das Donnergetöse der spritzenden Räder,
32
Und des raschen Gespanns dumpfig erklappernder Huf,
33
Der geschwungenen Geißel Knall, des treibenden Kärrners
34
Drohender Fluch, und des Markts heiseres Krämergeschrei.
35
Ha! Mich umschlingen weit Luteziens kreuzende Gassen;
36
Mancher Zauberpalast, voll des Goldes und Grams,
37
Hebt die türmenden Giebel, von stockenden Dünsten umbrütet,
38
Welche, mit stumpferem Strahl mühsam die Sonne durchwühlt.
39
Lebet nun wohl, ihr Thäler der Heimat! ihr heiligen Alpen!
40
Fernher tönt mein Gesang Segen und Frieden euch zu.
41
Heil dir und dauernde Freiheit, du Land der Einfalt und Treue!
42
Deiner Befreier Geist ruh' auf dir, glückliches Volk!
43
Bleib durch Genügsamkeit reich und groß durch Strenge der Sitten;
44
Rauh sei, wie Gletscher, dein Mut; kalt, wenn Gefahr dich umblitzt;
45
Fest, wie Felsengebirge, und stark, wie der donnernde Rheinsturz;
46
Würdig deiner Natur, würdig der Väter, und frei!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gaudenz von Salis-Seewis
(17621834)

* 26.12.1762 in Schloss Bothmar, † 29.01.1834 in Schloss Bothmar

männlich, geb. Salis

Schweizer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.