58. Wat all' in so'n Stadtreknung steiht

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Fritz Reuter: 58. Wat all' in so'n Stadtreknung steiht (1842)

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In Dütschland gaw't mal eins 'ne snaksche Tid,
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Binah so snurrig as wi hüt,
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As sei mal up de Demagogen
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As sünst up Vöß un Hasen jogen.
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En jeder, de en Snurrbort drog
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Un sick 'ne wide Büx antog,
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En Ziegenhainer in de Hand
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Un üm de Mütz en bunten Rand,
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Un drog en beten länger Hor,
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Dat was en Sand.
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Un de en Posten hadd as Aktuor,
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Durschriwer, Amtsprotokollist,
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De glöw't, dat hei d'ran glöwen müßt,
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Dat em dat Metz stünn an de Kehl,
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Dat s' em vör allen up den Kiker hadden
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Un dat hei up besonderen Befehl
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Von de geheime Oberdemagogenkumpani
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Ganz in de Still süll afmurkst warden,
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Un höll sick vör en Kotzebue.
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De Herrn, de wull'n ehr Hut sick wohren
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Un grepen allens up mit langen Horen,
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Mit Ziegenhainer un mit bunte Mützen,
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Mit Snurrbort un mit wide Büxen,
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Un hadd'n s' so'n armen Burßen fat't,
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Denn würd hei glik von wegen »den Conat
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Zum konstatierten Hochverrat«
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In't irste beste Lock herinne spunnt,
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Glikvel, ob fucht un ungesund.
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Na, männigein, de kamm dor up den Hund,
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Un männigein gung ok koppheister.

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Tau Trippnitz ok de Herr Burmeister –
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Des' nich, dat ded de anner wesen –
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Hadd vel von Demagogen lesen
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Un höll de Näs' hoch in de Luft
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Un snüffelt Demagogen-Duft
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Un seggt to sinen Kniper: »Kneifer,
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Ihm fehlt der patriotsche Eifer.
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In jeder kleinen Stadt hat man schon einen
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Von den verdammten Demagogen,
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Soviel ich weiß, ins Trockene gezogen,
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Und wir in Trippnitz haben keinen!
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Das darf nicht sein, es muß der Staat
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Sehn, daß der hies'ge Magistrat,
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So gut wie einer, einen hat,
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Und darum, Kneifer, greif Er einen!«
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De Kniper geiht un snüffelt ok,
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Un nah 'ne Stunn kümmt hei taurügg.
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»herr«, seggt hei, »bi den Gastwirt Smok,
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Dor sitzt so'n Demagenerich.«
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»hat er en Bart?« – »Ja, Herr, den hätt er,
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Un as en wahr'n Brandstifter lett er.«
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»sein Haar?« – »Bis auf die Schultern run.«
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»ja, ja, ich hoff, das ist woll einer!
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Wie war es mit dem Ziegenhainer?«
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»ja, Herr, ich glaub', sein Stock, der stunn
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Woll in der Eck; er hätt da keinen.«
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»wie war die Hos' an seinen Beinen?
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Hier, Kneifer, richtig aufgepaßt!
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Denn an der Beinbekleidung können
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Wir seine Art am sichersten erkennen.«
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»je, swarzen Samtmanschester was't
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As Ratsherr Schulten seine Sünndagsjack,
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Un weit as en Sößschäpelssack,
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Un'n Metz hätt er all in der Hand.«
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»natürlich, ja! Das ist so'n zweiter Sand!
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So ziehn sie aus von Land zu Land
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Auf den Befehl von dem geheimen Orden,
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Die Fürstendiener zu ermorden.
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Auf, Kneifer, auf! Nun, Kneifer, greif Er
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Mir schnell den Kerl! Nehm Er den Scherenschleifer
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Und den Gesellen von dem Nagelschmidt
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Sich als Sukkurs für alle Fälle mit,
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Und bring' Er mir den Burschen ran!«

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De Kniper geiht, un nah 'ne Virtelstun'n
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Bringt hei den Kirl. Von baben bet nah unn'n
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Kickt de Burmeister nu den Burßen an,
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As so'n Burmeister kiken kann,
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Un kümmt em gliksten hellsch verdwas.
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»sie sind«, seggt hei, »ein Demagog.
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Heraus, mein Herr, mit Ihrem Paß!«
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De Frömd, de antwurt't nich un tog
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Den Paß herut un gaww em den'n.
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De Herr Burmeister kickt herin.
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»hieraus sind Sie nicht zu erkenn'n,
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Signalement tut gar nicht passen;
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Ihr großer Bart steht nicht darin.«
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»den hab ich später wachsen lassen.«
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»nu kik den Kirl!« seggt Kniper Kneifer,
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»höllt Hei sin Mul nich, ward'ck Em rute lüchten.«
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»halt, Kneifer, zähm' Er seinen Eifer!
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Rausschmeißen hört zu
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Sie, Herr, Sie sind ein Demagog,
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Sie sind«, un nam de Fust un slog
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Eins up den Disch, »ein zweiter Sand!«
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»erlauben Sie, ein reisender Kommis
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Und bin hier in der Stadt bekannt.«
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»nicht räsoniert! Herr, schweigen Sie!«
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»ick lat Sei süs«, seggt Kniper Kneifer,
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»wenn Sei noch mal dat Mul upriten,
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Von'n Herrn Burmeister rute smiten.«
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»still, Kneifer! Geh Er raus und greif Er
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Uns mal so'n Burschen von Barbierer.«
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De Kniper bringt so'n Burßen ran.
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»komm Er mal her, mein lieber Mann,
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Nehm Er den Menschen mal, un schmier Er
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Mit Seif' ihn ein, und dann rasier Er
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Mir mal ganz kahl den Volksverführer!«
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De wehrt sick denn nu, wat hei kann,
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Dat helpt em nicks,
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De Kniper kriggt em bi de Büx,
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De Schirensliper
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Helpt den Kniper,
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De olle Nagelsmidtsgesell,
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De höllt em wiß up sine Stell,
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Un swutsch! un swutsch!
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Smitt em de Bengel von Barbutsch
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Den Sepschum rinne in't Gesicht,
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Un rutsch! un rutsch!
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Herunne flüggt
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Up eine ganz behenne Ort
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De schöne Demagogenbort.

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Kum is hei runn, dunn stört't herin
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De Kopmann Lisch: »Herr Gott, ick bün
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Doch woll hir all tau späd nich kamen?«
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Un as hei't süht, sleiht hei de Hän'n tausamen.
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»herr«, seggt hei, »Herr, was machen Sie?
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Was machen Sie in Himmels Namen?
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Dies ist ein reisender Kommis
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Aus Stralsund, Joseph Dünnbier heißt er,
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Ein Mann, grad' wie ein Lamm so zahm,
131
Dem machen Sie hier solchen Blam!
132
Was machen Sie, Herr Bürgermeister?«
133
Un Joseph Dünnbier steiht nu dor,
134
Wäult mit de Hand in't lange Hor:
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»na, Rache«, seggt hei, »schwör ich dir!
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Ich schwör's, ich, Joseph Dünnebier!«
137
Un geiht herute ut de Dör,
138
Un Kopmann Lisch geiht achter her,
139
Un achter den'n geiht de Barbier,
140
De Smidtgesell un denn de Schirensliper.

141
De Herr Burmeister kickt den Kniper,
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De Kniper den Burmeister an.
143
»herr, dit was woll kein Demagog.
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Dat schint, dit was en Handelsmann.«
145
»ja, Kneifer«, seggt sin Herr un tog
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Vir Gröschen ut de Westentasch,
147
»er war in diesem Fall zu rasch;
148
Nach diesem, Kneifer, sei Er schlau!«
149
»kein Bom föllt up den irsten Hau«,
150
Seggt em de Kniper, »täuwen S' man,
151
Ick slep Sei bald en annern ran.«
152
»nein, Kneifer, hört Er? Greif Er keinen,
153
Ich hab die Demagogen dick«,
154
Un giwwt em dat Virgröschenstück,
155
»da, lieber Kneifer, pfeif Er einen!
156
Red Er im Publikum nicht d'rüber,
157
Wir haben sonst Verdruß, mein Lieber!«

158
Na, dat is gaud; de Tid vergeiht,
159
Bet Wihnacht vör de Dören steiht,
160
Dunn kümmt en Breiw mit de Stralsunder Post,
161
De an fiw Daler Vörschuß kost't,
162
Denn eine Schachtel is dorbi,
163
Un Breiw un Schachtel sünd nich fri.
164
De Herr Burmeister, de is ut,
165
Un Fru Burmeistern seggt tau sich:
166
»das ist gewiß der neue Hut,
167
Den mein lieb Männing hat für mich
168
Zu Weihnacht in Stralsund bestellt,
169
Den löse ich natürlich ein.
170
Hier, lieber Freund, hier ist das Geld. –
171
Was wird das für ein Jubel sein!
172
Wie wird mein liebes Männing lachen!
173
Wie wird er auf die Augen reißen!
174
Denn ich will mir das Späßchen machen
175
Und das Geschenk, für mich bestimmt,
176
Heut abend ihm zum Julklapp schmeißen.«

177
Na, as de Herr Burmeister kümmt,
178
Dunn ward'n de Dannenböm anstickt,
179
De Julklapps warden rinne smeten
180
Un warden ein taum annern schickt
181
Un de Verpackung runne reten;
182
Un allens steiht un lacht un kickt,
183
Un allens is so wollgemaud.
184
Dunn kümmt de Schachtel mit den Haut:
185
»dem Herren Bürgermeister Z.«
186
Un lachten s' irst, denn lachten s' nu irst recht,
187
Denn sine leiwe Fru, de hett
188
De annern von den Spaß all seggt.
189
De Herr Burmeister nimmt de Schachtel
190
Un is so lustig as 'ne Wachtel
191
Un böhrt s' tau Höchten: »Wie mich deucht,
192
Ist dies Geschenk ein wenig leicht;
193
Da ist am Ende gar nichts drin.
194
Wer sollt, ich ahn es nicht von weitem,
195
'ne Überraschung mir bereiten?«
196
Ja, raupen s' all, dor wir wat in!
197
De Herr Burmeister lös't den Band
198
Un makt noch Witze allerhand.
199
As allens üm em rümmer stunn
200
Un as hei böhrt den Deckel run,
201
Dunn würd hei wider nicks gewohr
202
As luter Hor un Hor un Hor,
203
Un sine leiwe Fru, de stünn
204
Dor liksterwelt as Botter an de Sünn,
205
De nige Haut was in de Wicken.
206
Doch Herr Burmeister freut sick sihr.
207
»mein liebes Kind, dies dank ich dir,
208
Dies ist wohl eine von den neu'n Perücken,
209
Den Gummi-Elastiks, mein Kind,
210
Die mir so angepriesen sind? –
211
Nein, nein! Dies ist ja keine P'rücke!
212
Dies sind ja lauter kleine Stücke!«
213
Un langt herin un halt s' hervör:
214
Wohrhaftig, ja,'t sünd lute Bör
215
Von allerlei verflucht Kalüren;
216
Weck brun, weck swart, weck vossig wiren,
217
Un all von 'ne verschiedne Ort:
218
Dor was en richt'gen Judenbort,
219
En Knebelbort von so'n Majuren,
220
En Backenbort bet acht're Uhren,
221
En Leutnantsbort, as Dunen zort,
222
En Snurrwichs un en Wallenstein,
223
Ok Proppentrecker sünd tau seihn;
224
Un ok en Breiw, de liggt dorbi:

225
»geehrter Herr!
226
Entschuldigen Sie,
227
Wenn ich mit dieser Zuschrift Sie beschwere.
228
Bei meinem letzten Aufenthalt
229
In Ihrer Stadt ward mir im Polizei-Verhöre
230
Der Bart geschoren mit Gewalt.
231
Da Sie an meinen Einspruch sich nicht kehrten
232
Und, was ich einwandt', schlugen in den Wind,
233
So schloß ich d'raus, daß Sie ein Freund von Bärten,
234
Vielleicht gar Sammler deren sind.
235
Im hies'gen heilgen Christ-Verein,
236
Gestiftet, kleine Kinder zu erfreu'n,
237
Kam auch die Red' auf Euer Wohlgeboren
238
Und wie Sie freundlichst mich geschoren
239
Und ob Sie wegen Ihrer Kindereien
240
Den Kindern etwa zuzuzählen seien.
241
Man gab dies zu und sagte, es gehörte
242
Sich so, daß ich dem lieben Kinde,
243
Das mir den Bart einst runter
244
Zum frohen Weihnachts-Angebinde,
245
Wenn ich mich revanchieren wollte,
246
Auch Bärte heut
247
Das tu ich denn hiemit
248
Und bitt,
249
Zugleich den Nagelschmidt,
250
Den braven Scherenschleifer,
251
Vor all'n jedoch den Kniper Kneifer
252
Zu grüßen, Wertester, von mir.
253
Stralsund – ergebenst Dünnebier.

254
Wenn Sie sich mal das Späßchen machen sollten
255
Und eine oder andre Art
256
Von diesen Bärten selber tragen wollten,
257
Zum Beispiel mal den Demagogenbart,
258
So nehmen Sie ein wenig Kleister ...«
259
»verfluchte Kirl!« röppt de Burmeister
260
Un ritt den Breiw in dusend Stücken,
261
»kümmst du mi hir mal wedder her!
262
Lettst du di hir mal wedder blicken!«
263
Un rönnt herute ut de Dör.

264
Dit Stückchen wir nu woll tau En'n,
265
Un kein hadd dorvon wat erfohren,
266
Wenn nich de Düwel sine Hän'n
267
Hadd allentwegen mang. – Nah ein'gen Johren
268
Kam nah uns' Stadt 'ne Kummischon,
269
Dat sei dor mal eins revidiert,
270
»weil leider dorten öfter schon
271
Unregelmäßigkeiten sei'n passiert
272
Und Fehler in der Rechnung sei'n entdeckt« –
273
In Preußen segg'n s' dortau »Konfekt«.
274
Na, dese Kummischon, de fünn
275
In de Stadtreknung ok en Posten:
276
»für eine Schachtel an Postvorschußkosten,
277
Wo die verdammten Bärte waren drin,
278
Fünf Taler.« – »Ih, wat süll dat sin?
279
Raupt Kniper Kneifern mal herin!«
280
De ward nu kräftig inquiriert,
281
Un dese Bösewicht, de wir't,
282
De het't vertellt; so 's't rute kamen.
283
Un unse Kummischon, de sleit
284
De Hän'n un Arm un Bein tausamen.
285
»nu bidd ick jug in Gottes Namen,
286
Wat all' in so'n Stadtreknung steiht!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Fritz Reuter
(18101874)

* 07.11.1810 in Stavenhagen, † 12.07.1874 in Eisenach

männlich, geb. Reuter

plattdeutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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