Ein Weihnachtslied für meine Kinder

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Ferdinand Freiligrath: Ein Weihnachtslied für meine Kinder (1843)

1
Zum sechstenmal der Kerzen Strahl
2
Anfach' ich auf der Fichte;
3
Das ist ein Schein! Herein, herein,
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Und freut euch an dem Lichte!
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Genug geharrt, genug gescharrt
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Im Gang und an der Türe!
7
Die Schelle klingt, der Riegel springt:
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Herein, mein Kleeblatt-Viere!

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Herein, ihr Froh'n! Ach, wo nicht schon,
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Ihr zarten jungen Leben,
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Kamt ihr, wie heut, auf mein Geläut' –
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Wir sind Nomaden eben!
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Heil eurer Lust! Mir füllt die Brust
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Ein schmerzlich-süßes Träumen!
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Anheb' ich weich ein Lied für euch
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Von euren Weihnachtsbäumen!

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Der erste stund auf Schweizergrund
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In rauher Felsen Schatten;
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Er sah den See, er sah den Schnee,
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Den ew'gen, ob den Matten;
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Sah Herdenziehn und Alpenglühn,
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Den Gletscher und die Wiese;
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Bot mit Gestöhn die Brust dem Föhn –
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Dem Föhn und auch der Bise.

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Die zweite dann und dritte Tann'
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Aufwuchsen an der Themse;
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Ihr Grün entlang zu Berge sprang
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Kein Steinbock, keine Gemse;
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Doch stattlich schwamm den niedern Stamm
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Vorüber Bark' um Barke;
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Und herbes Wehn, der Nordsee Wehn,
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Gab Kraft dem jungen Marke.

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Das nächste war ein heimisch Paar,
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Ein Tannenpaar vpm Rheine,
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Das Wurzeln schlug und Nadeln trug
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Auf hohem Ufersteine.
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Dem Riß der Ley entragt' es frei,
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Landein die Eifel blaute,
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Und Weingerank umflog den Hang,
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Von dem es niederschaute.

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Und der euch heut sein Astwerk beut,
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Das zackige, das breite,
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Der schaute dreist, blank übereist
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Vom Grafenberg ins Weite.
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Stromniedrung hier, dort Bergrevier –
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Ein letzter Klippensprenger,
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Nachrauscht' er hohl ein Lebewohl
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Dem Rhein, dem Hollandsgänger.

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Ade, ade! Das alte Weh!
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Wer weiß an was für Wellen
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Wir übers Jahr, Rauhfrost im Haar,
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Die Weihnachtstanne fällen!
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Vielleicht aufs neu umfängt sie treu
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Alt-Englands werter Boden –
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Doch sichrer ist, sie steht zur Frist
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Am Hudson in den Loden.

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Sieht ernst sich an im Michigan,
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Strahlt wieder aus der Bläue
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Der Erieflut – eine Rothaut ruht
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Auf ihrer Nadelstreue.
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Zur Hand im Schnee starr liegt ein Reh,
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Bölutrünstig, frisch geschossen;
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Ein Feuerlein wirft hellen Schein
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Auf zu den dunklen Sprossen.

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Die aber sprühn ihr Harz ins Glühn
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Des Reisigs und der Kohlen. –
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Das ist die Tann' – und horch, beian,
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Was summt im Baum, dem hohlen?
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Im Eichenstamm, wie wundersam!
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Was tönen da für Stimmen?
71
Den Roten fragt – ich weiß, er sagt:
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Das sind des Westens Immen!

73
Ein wilder Schwarm! Die Luft war warm,
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Die Prärie blumig wallte,
75
Von Kelchen bunt war jeder Grund
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Und jede Felsenspalte –
77
Da flogen sie, da sogen sie!
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Nun surrt es in den Zellen,
79
Die künftig Jahr, hold Doppelpaar,
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Den Christbaum dir erhellen!

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So sorgt Natur auf ferner Flur!
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Schon heut für euch, ihr Lieben!
83
Und Menschen auch, lebend'gen Hauch
84
Und Odem, trefft ihr drüben!
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Manch rauhe Hand durchs rauhe Land
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Treibt euch den Pflug entgegen,
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Die segnend sich, waldnachbarlich,
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Auf eure Stirn wird legen!

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Manch rauhe Hand im rauhen Land
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Wird Beeren für euch brechen;
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Manch treuer Mund aus Herzensgrund
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Euch küssen, zu euch sprechen;
93
Manch lieb Gesicht, aus Locken dicht,
94
Am Blockhaus euch zu begrüßen;
95
Manch kleiner Fuß, taunassen Schuhs,
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Voreilen euren Füßen!

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Drum muß es sein, und stößt der Rhein
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Euch aus, ihr Vagabunden:
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Der neue Herd, der feste Herd,
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Er wird euch doch gefunden!
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Dran wurzelt ihr und lacht, das hier
102
Und hudelt, des Gelichters: –
103
Die Heimat bloß macht heimatlos
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Die Kinder ihres Dichters!

105
Da, Glockenton! Halb achte schon!
106
Git' Nacht nun eurem Baume!
107
Nicht, wild Quartett, du gehst zu Bett,
108
Du siehst ihn fort im Traume?
109
Schon blaßt sein Licht! Vergeßt ihn nicht,
110
Ihr früh um mich Gehetzten –
111
Im Vaterland, das uns verbannt,
112
Im Vaterland den letzten!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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