Brot

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Ferdinand Freiligrath: Brot (1843)

1
Wenn am Gestad' und in den Lüften
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Sich keine Mühle mehr bewegt;
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Wenn, müßig weidend auf den Triften,
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Der Esel keinen Sack mehr trägt:
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Dann, wie ein Volk am hellen Tage
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Kühn tritt der Hunger in das Haus;
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Ein Wetter rüstet sich zum Schlage,
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Und durch die Luft geht ein Gebraus:
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Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
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Des Volkes nicht, das hungernd droht!
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Denn die Natur hat ihn geboten,
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Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

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Der Hunger kommt vom Dorf gegangen,
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Einzieht er durch der Städte Tor;
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So haltet ihm doch eure Stangen
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Und eure Trommelstöcke vor!
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Trotz Pulver und Kartätschenschauer
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Rasch wie ein Vogel ist sein Lauf,
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Und auf der allerhöchsten Mauer
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Pflanzt er sein schwarzes Banner auf.
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Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
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Des Volkes nicht, das hungernd droht!
23
Denn die Natur hat ihn geboten,
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Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

25
Laßt eure Söldnerhaufen kommen
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In gleichem Schritt, mit gleicher Wehr!
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Der Scheuer und der Flur genommen,
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Hat Waffen auch des Hungers Heer;
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Es reißt die Schaufel aus der Scholle,
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Die Sense reißt es aus dem Korn;
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Sogar des Mädchens Brust, die volle,
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Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
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Des Volkes nicht, das hungernd droht!
34
Denn die Natur hat ihn geboten,
35
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

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Packt, in des Volkes mut'gen Reihen,
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Wer Sichel oder Flinte trägt!
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Laßt immer das Gerüst uns dräuen,
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Auf dem das Beil den Kopf abschlägt!
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Hat es, in finstrer Schauer Mitten,
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Hat es, die Luft durchzuckend scheu,
42
Der Opfer Leben nun zerschnitten,
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Dann tut ihr Blut noch diesen Schrei:
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Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
45
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
46
Denn die Natur hat ihn geboten,
47
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

48
Brot tut uns not! Brot muß man haben!
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Wie Luft und Wasser tut es not!
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Wir sind des alten Herrgotts Raben:
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Was er uns schuldet, ist das Brot!
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Doch seht, die Schuld ist abgetragen:
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Er gab uns Land zur Ährenzucht,
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Und kann nicht noch zu allen Tagen
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Die Sonne reifen unsre Frucht?
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Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
57
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
58
Denn die Natur hat ihn geboten,
59
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

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Die Welt ist halb noch Wildnis eben –
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Und sollte doch aus Korn und Mais
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Ein blonder Gürtel sie umgeben
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Vom Pol bis an den Wendekreis!
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Laßt uns der Erde Schoß zerreißen!
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Laßt uns – wir schlugen uns genug! –
66
Laßt uns des Krieges schneidend Eisen
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Verwandeln in den stillen Pflug!
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Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
69
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
70
Denn die Natur hat ihn geboten,
71
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

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Der Kabinette Tun und Lassen,
73
Was gilt es unserm Bienenschwarm?
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Wozu noch für der Fürsten Hassen
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Bewaffnen den Zyklopenarm?
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Das Volk ein Meer! Vom nackten Herde
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Braust es heran und schwillt und droht!
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Erbebt – und gebt dem Pflug die Erde,
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Und nimmer fehlen wird das Brot!
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Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
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Des Volkes nicht, das hungernd droht!
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Denn die Natur hat ihn geboten,
83
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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