Blum

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Ferdinand Freiligrath: Blum (1843)

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Vor zweiundvierzig Jahren war's, da hat mit Macht geschrien
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Ein siebentägig Kölner Kind auf seiner Mutter Knien;
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Ein Kind mit breiter, offner Stirn, ein Kind von heller Lunge,
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Ein prächtig Proletarierkind, ein derber Küferjunge.
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Er schrie, daß in der Werkstatt rings des Vaters Tonnen hallten;
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Die Mutter hat mit Lächeln ihn an ihre Brust gehalten;
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An ihrer Brust, auf ihrem Arm hat sie ihn eingesungen: –
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Es ist zu Köln das Wiegenlied des Knaben hell erklungen.

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Und heut in diesem selben Köln zum Wehn des Winterwindes
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Und zu der Orgel Brausen schallt das Grablied dieses Kindes.
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Nicht singt die Überlebende, die Mutter es dem Sohne:
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Das ganze schmerzbewegte Köln singt es mit festem Tone.
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Vor deinem Gott, du graues Haupt, ausströme deinen Jammer!
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Auch ich bin seine Mutter, Weib! Ich und noch eine Hohe –
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Ich und die Revolution, die grimme, lichterlohe!
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Bleib du daheim mit deinem Schmerz! Wir wahren seine Ehre –
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Des Robert Requiem singt Köln, das revolutionäre!

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So redet Köln! Und Orgelsturm entquillt dem Kirchenchore,
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Es stehn die Säulen des Altars umhüllt mit Trauerflore,
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Die Kerzen werfen matten Schein, die Weihrauchwolken ziehen,
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Und tausend Augen werden naß bei Neukomms Melodien.
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So ehrt die treue Vaterstadt des Tonnenbinders Knaben –
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Ihn, den die Schergen der Gewalt zu Wien gemordert haben,
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Ihn, der sich seinen Lebensweg, den steilen und den rauhen,
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Auf bis zu Frankfurts Parlament mit starker Hand gehauen!
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(dort auch, was er allstündlich war, ein Wackrer, kein Verräter!) –
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Was greift ihr zu den Schwertern nicht, ihr Singer und ihr Beter?
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Was werdet ihr Posaunen nicht, ihr ehrnen Orgeltuben,
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Den Jüngsten Tag ins Ohr zu schrein den Henkern und den Buben?
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Den Henkern, die ihn hingestreckt auf der Brigittenaue –
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Auf festen Knien lag er da im ersten Morgentaue!
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Dann sank er hin – hin in sein Blut – lautlos! – heut vor acht Tagen!
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Zwei Kugeln haben ihm die Brust, eine das Haupt zerschlagen!

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Ja, ruhig hat man ihn gemacht: – er liegt in seiner Truhe!
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So schall' ihm denn ein Requiem, ein Lied der ew'gen Ruhe!
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Ruh' ihm, der uns die Unruh' hat als Erbteil hinterlassen: –
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Mir, als heut im Tempel stand in den bewegten Massen,
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Mir war's, als hört' ich durch den Sturm der Töne ein Geraune:
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Du, rechte mit der Stunde nicht! die Orgel
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Es
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Denn nichts als Kampf und wieder Kampf entringt sich diesen Tagen!
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Ein Requiem ist Rache nicht, ein Requiem nicht Sühne –
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Bald aber steht die Rächerin auf schwarzbehangner Bühne!
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Die dunkelrote Rächerin! Mit Blut bespritzt und Zähren,
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Wird sie und soll und muß sie sich in Permanenz erklären!
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Du rufst sie nicht, die Rächerin, doch wird die Zeit sie bringen!
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Der
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Weh allen, denen schuldlos Blut klebt an den Henkerhänden!

49
Vor zweiundvierzig Jahren war's, da hat mit Macht geschrien
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Ein siebentägig Kölner Kind auf seiner Mutter Knien!
51
Acht Tage sind's, da lag zu Wien in blut'ger Mann im Sande –
52
Heute scholl ihm Neukomms Requiem zu Köln am Rheinesstrande.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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