Berlin

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Ferdinand Freiligrath: Berlin (1843)

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Zum Völkerfest, auf das wir ziehn,
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Zu dem die Freiheit ladet,
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Wie wandelst herrlich du, Berlin!
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Berlin, in Blut gebadet!
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Du wandelst rußig und bestaubt
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Einher in deinen Wunden!
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Du wandelst hin, das bleiche Haupt
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Mit Bannertuch verbunden!

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Mit Tuch, von dem du jene Nacht
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Geheiligt jeden Faden!
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O, erste deutsche Fahnenwacht
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Auf deutschen Barrikaden!
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Du rissest es aus langer Schmach
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Empor zu neuer Schöne!
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In
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Rein wuschen's deine Söhne!

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So helfe dir nun Gott, Tyrann!
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Erstochen und erschossen!
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Und abwärts durch die Straßen rann
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Ihr Blut in allen Gossen!
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Arbeiterblut, Studentenblut –
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Wir knirschen mit den Zähnen,
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Und in die Augen treibt die Wut
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Uns seltne Männertränen!

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Sie fochten dreizehn Stunden lang,
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Die Erde hat gezittert!
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Sie fochten ohne Sang und Klang,
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Sie fochten stumm erbittert!
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Da war kein Lied wie
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Nur Schrei und Ruf und Röcheln!
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Sie standen ernst und schweigend da,
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Im Blut bis zu den Knöcheln!

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So schlaft denn wohl im kühlen Grund,
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Schlaft ewig unvergessen!
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Wir können euch den bleichen Mund,
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Die starre Hand nicht pressen!
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Wir können euch zu Ehr' und Zier
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Mit Blumen nicht bewerfen –
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Doch können wir und wollen wir
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Die Schwerter für euch schärfen!

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Denn einen Kampf, der so begann,
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Soll kein Ermatten schänden!
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Ihr strittet vor, ihr finget an:
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So laßt denn uns vollenden!
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Wir sind bereit, wir sind geschwind,
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Wir treten in die Lücken!
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Mit allen, die noch übrig sind,
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Die Klinge woll'n wir zücken!

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Denn heißen soll es nimmermehr:
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Für nichts sind sie gestorben!
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Für nichts, als was sie tags vorher
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Ertrotzt schon und erworben!
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Denn keiner sage je und je:
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Sie waren brav im Schießen!
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Doch fehlt' auch ihnen die Idee,
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Da sie sich metzeln ließen!

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Drumm sollen eure Leichen nicht
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Den Strom der Freiheit stauen;
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Den Strom, der seine Fesseln bricht
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In diesem Märzestauen!
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Drum sollen sie die Stufen sein,
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Die Stufen grün von Zweigen,
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Auf denen wir zum Dach hinein
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Der freien Zukunft steigen!

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Was Manifest noch, was Bescheid!
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Was Bitten noch und Geben!
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Was Amnestie und Preßfreiheit –
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Tod gilt es oder Leben!
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Wir rücken an in kalter Ruh',
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Wir beißen die Patrone,
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Wir sagen kurz: Wir oder du!
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Volk heißt es oder Krone!

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Daß Deutschland stark und einig sei,
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Das ist auch unser Dürsten!
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Doch einig wird es nur, wenn frei,
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Und frei nur ohne Fürsten!
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O Volk, ein einz'ger Tag verstrich –
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Und schon von Vivats heiser?
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Erst gestern ließ Er schlachten dich – –
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Und heute deutscher Kaiser?!

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Schmach! mit dem Blute wild verspritzt
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Bei jenem freud'gen Sterben,
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Mit dem jetzt möcht' Er sich verschmitzt
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Den Kaiserpurpur färben!
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Allein, daß das unmöglich sei,
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Dafür noch stehn wir Wache,
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Dafür bleibt unser Feldgeschrei:
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Hie Republik und Rache!

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Wir treten in die Reiseschuh',
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Wir brechen auf schon heute!
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Nun, heil'ge Freiheit, tröste du
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Die Mütter und die Bräute!
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Nun tröste Weib, nun tröste Kind,
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Die Witwen und die Waisen –
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Wie derer, die gefallen sind,
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So unsre, will's das Eisen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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