Die Seufzerbrücke

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Ferdinand Freiligrath: Die Seufzerbrücke (1843)

1
Wieder, zu atmen müd,
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Müd ihrer Not,
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Eine, die flüchtend schied
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Jach in den Tod!
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Hebt sie vom Uferkies,
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Aufhebt sie leis!
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O, welch ein zart und süß
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Abgeknickt Reis!

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Sehet, wie straff ihr Zeug!
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Sehet, wie wachstuchgleich!
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Kalt rinnt das Wasser ihr
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Ab vom Gewande;
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Hebt sie mir, tragt sie mir
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Liebend vom Strande!

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Nimmer mit Hohn und Groll –
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Trauernd, erbarmungsvoll
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Anrührt ihr Leibliches!
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Nicht ihrer Flecken denkt: –
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Was ihr von ihr versenkt,
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Ist nun rein Weibliches!

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Fragt nicht: Aus was für Saat
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Aufging die rasche Tat,
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Keimt' ihr Empören?
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Abwusch die Schmach von ihr,
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Nichts ließ der Tod an ihr, –
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Nichts als der Schönheit Zier
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Und Leichenehren!

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Keiner verdamme sie!
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Hört sie zur Sippe doch
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Evas! – O, wisch ihr die klamme, die
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Arme sickernde Lippe doch!

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Lüpft ihre Locken!
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Streicht sie ihr trocken,
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Preßt sie ihr aus!
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Ihre Locken, die braunen! –
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Die Leut' indes staunen:
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Wo stand ihr Haus?

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Wer war ihr Vater?
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Wer ihre Mutter?
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Hatt' eine Schwester sie?
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Warnte kein Bruder sie

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Treu vor dem Falle?
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Lebt' ihr kein Lieb'rer noch,
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Lebt' ihr kein Näh'rer noch,
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Ach, als sie alle?
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Himmel, der Seltenheit
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Christlicher Mildigkeit! –
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's war zum Entsetzen;
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In einer Stadt, wie die,
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Herbstatt nicht hatte sie,
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Dran sich zu setzen!

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Schwesterlich, brüderlich,
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Väterlich, mütterlich
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Fühlen versehrt!
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Was wie auf Fels ihr stand,
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Liebe schwand, Treue schwand!
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Selbst Gottes Vaterhand
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Schien abgekehrt!

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Wo der Lampen Helle
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Zurückstrahlt die Welle
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Wo ihr Schimmer lacht
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Aus Saal und Gemache
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Vom Keller zum Dache,
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Stand sie, die Schwache,
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Hauslos bei Nacht!

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Wind und Regenguß
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Machten sie beben;
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Nicht der schwarze Fluß,
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Nicht die finstern Streben!
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Abgehetzt, wundgehetzt,
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Kam sie zu sterben jetzt:
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»fort mich geschnellt –
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Üb'rall hin, üb'rall hin,
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Nur aus der Welt!«

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Hinabsprang sie bald auch,
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Wie finster, wie kalt auch
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Die Themse rann.
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Übers Geländer hier –
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Mal' es dir, denk' es dir,
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Schwelgender Mann!
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Wasche sich, trink' aus ihr
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Fürder, wer kann!
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Hebt sie vom Uferkies,
84
Aufhebt sie leis!
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O, welch ein zart und süß
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Abgeknickt Reis!

87
Eh' noch zu steif und hart
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Jegliches Glied ihr starrt,
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Sittsam und linde
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Streckt sie zur letzten Ruh'!
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Drückt ihr die Augen zu,
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Starrend so blinde;

93
Starrend durchs Regnen
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Der Lockenträuflung,
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Wie dem Dort zu begegnen
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Mit dem letzten verwegnen
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Blick der Verzweiflung.

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Also verachtet,
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Wahnsinnumnachtet,
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Hat die Entehrte,
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Reueverzehrte
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Sterben gemußt! –
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Als ob sie flehte
104
Still im Gebete,
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Kreuzt ihr die Hände
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Über der Brust!

107
Kreuzt sie – nicht hehlend
108
Das Irren der Armen,
109
Und sanft es befehlend
110
Ihres Heilands Erbarmen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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