Das Lied vom Hemde

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Ferdinand Freiligrath: Das Lied vom Hemde (1843)

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Mit Fingern mager und müd,
2
Mit Augen schwer und rot,
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In schlechten Hadern saß ein Weib
4
Nähend fürs liebe Brot.
5
Stich! Stich! Stich!
6
Aufsah sie wirr und fremde;
7
In Hunger und Armut flehentlich
8
Sang sie das »Lied vom Hemde«.

9
»schaffen! Schaffen! Schaffen!
10
Sobald der Haushahn wach!
11
Und Schaffen – Schaffen – Schaffen,
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Bis die Sterne glühn durchs Dach!
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O, lieber Sklavin Sein
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Bei Türken und bei Heiden,
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Wo das Weib keine Seele zu retten hat,
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Als so bei Christen leiden!

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Schaffen – Schaffen – Schaffen,
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Bis das Hirn beginnt zu rollen!
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Schaffen – Schaffen – Schaffen,
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Bis die Augen springen wollen!
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Saum und Zwickel und Band,
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Band und Zwickel und Saum –
23
Dann über deb Knöpfen schlaf' ich ein,
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Und nähe sie fort im Traum.

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O Männer, denen Gott
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Weib, Mutter, Schwestern gegeben:
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Nicht Linnen ist's, was ihr verschleißt –
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Nein, warmes Menschenleben!
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Stich! Stich! Stich!
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Das ist der Armut Fluch:
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Mit doppeltem Faden näh' ich Hemd,
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Ja, Hemd und Leichentuch!

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Doch was red' ich nur vom Tod,
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Dem Knochenmanne! – Ha!
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Kaum fürcht' ich seine Schreckgestalt,
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Sie gleicht meiner eignen ja!
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Sie gleicht mir, weil ich faste,
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Weil ich lange nicht geruht.
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O Gott, daß Brot so teuer ist,
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Und so wohlfeil Fleisch und Blut!

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Schaffen – Schaffen – Schaffen!
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Und der Lohn? Ein Wasserhumpen,
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Eine Kruste Brot, ein Bett von Stroh,
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Dort das morsche Dach – und Lumpen!
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Ein alter Tisch, ein zerbrochner Stuhl,
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Sonst nichts auf Gottes Welt!
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Eine Wand so bar – 's ist ein Trost sogar,
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Wenn mein Schatten nur drauf fält!

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Schaffen – Schaffen – Schaffen –
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Vom Früh- zum Nachtgeläut!
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Schaffen – Schaffen – Schaffen,
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Wie zur Straf' gefangne Leut'!
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Band und Zwickel und Saum,
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Saum und Zwickel und Band,
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Bis vom ewigen Bücken mir schwindig wird,
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Bis das Hirn mir starrt und die Hand!

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Schaffen – Schaffen – Schaffen,
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Bei Dezembernebeln fahl!
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Schaffen – Schaffen – Schaffen,
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In des Lenzes sonnigem Strahl!
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Wenn zwitschernd sich ans Dach
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Die erste Schwalbe klammert,
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Sich sonnt und Frühlingslieder singt,
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Daß das Herz mir zuckt und jammert.

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O, draußen nur zu sein,
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Wi Viol' und Primel sprießen –
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Den Himmel über mir,
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Und das Gras zu meinen Füßen!
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Zu fühlen wie vordem,
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Ach,
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Eh' noch es hieß: Ein Mittagsmahl
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Für ein Wandern auf der Flut!

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Ach ja, nur eine Frist,
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Wie kurz auch – nicht zur Freude!
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Nein, auszuweinen mich einmal
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So recht in meinem Leide!
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Doch zurück, ihr meine Tränen!
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Zurück tief ins Gehirn!
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Ühr kämt mir schön! netztet beim Nähn
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Mir Nadel nur und Zwirn!«

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Mit Fingern mager und müd,
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Mit Augen schwer und rot,
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In schlechten Hadern saß ein Weib,
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Nähend fürs liebe Brot.
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Stich! Stich! Stich!
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Aufsah sie wirr und fremde;
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In Hunger und Armut flehentlich –
88
O, schwäng' es laut zu den Reichen sich! –
89
Sang sie dies »Lied vom Hemde«.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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