Requiescat!

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Ferdinand Freiligrath: Requiescat! (1843)

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Wer den wucht'gen Hammer schwingt;
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Wer im Felde mäht die Ähren;
3
Wer ins Mark der Erde dringt,
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Weib und Kinder zu ernähren;
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Wer stroman den Nachen zieht;
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Wer bei Woll' und Werg der Flachse
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Hinterm Webestuhl sich müht,
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Daß sein blonder Junge wachse: –

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Jedem Ehre, jedem Preis!
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Ehre jeder Handvoll Schwielen!
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Ehre jedem Tropfen Schweiß,
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Der in Hütten fällt und Mühlen!
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Ehre jeder nassen Stirn
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Hinterm Pfluge! – Doch auch dessen,
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Der mit Schädel und mit Hirn
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Hungernd pflügt, sei nicht vergessen!

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Ob in enger Bücherei
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Dunst und Moder ihn umstäube;
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Ob er Sklav der Messe sei,
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Lieder oder Dramen schreibe;
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Ob er um verruchten Lohn
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Fremden Ungeschmack vertiere;
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Ob er in gelehrter Fron
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Griechisch und Latein doziere: –

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Er ist auch ein Proletar!
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Ihm auch heißt es: »Darbe! borge!«
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Ihm auch bleicht das dunkle Haar,
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Ihn auch hetzt ins Grab die Sorge!
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Mit dem Zwange, mit der Not
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Wie die andern muß er ringen,
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Und der Kinder Schrei nach Brot
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Lähmt auch ihm die freien Schwingen!

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Manchen hab' ich so gekannt!
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Nach den Wolken flog sein Streben: –
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Tief im Staube von der Hand
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In den Mund doch mußt' er leben!
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Eingepfercht und eingedornt,
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Ächzt' er zwischen Tür und Angel;
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Der Bedarf hat ihn gespornt,
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Und gepeitscht hat ihn der Mangel.

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Also schrieb er Blatt auf Blatt,
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Bleich und mit verhärmten Wangen,
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Während draußen Blum' und Blatt
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Sich im Morgenwinde schwangen,
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Nachtigall und Drossel schlug,
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Lerche sang und Habicht kreiste: –
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Er hing über sein Buch,
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Tagelöhner mit dem Geiste!

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Dennoch ob sein Herz auch schrie,
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Blieb tapfer, blieb ergeben:
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»dieses auch ist Poesie,
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Denn es ist das Menschenleben!«
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Und wenn gar der Mut ihm sank,
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Hielt er fest sich an dem einen:
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»meine Ehre wahrt' ich blank!
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Was ich tu', ist für die Meinen!«

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Endlich ließ ihn doch die Kraft!
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Aus sein Ringen, aus sein Schaffen!
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Nur zuweilen, fieberhaft,
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Konnt' er noch empor sich raffen!
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Nachts oft von der Muse Kuß
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Fühlt' er seine SChläfen pochen;
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Frei dann flog der Genius,
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Den des Tages Drang gebrochen!

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Lang jetzt ruht er unterm Rain,
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Drauf im Gras die Winde wühlen;
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Ohne Kreuz und ohne Stein
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Schläft er aus auf seinen Pfühlen.
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Rotgeweinten Angesichts
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Irrt sein Weib und irrt sein Samen –
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Bettlerkinder erben nichts
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Als des Vaters reinen Namen!

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Ruhm und Ehre jedem Fleiß!
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Ehre jeder Handvoll Schwielen!
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Ehre jedem Tropfen Schweiß,
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Der in Hütten fällt und Mühlen!
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Ehre jeder nassen Stirn
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Hinterm Pfluge! – Doch auch dessen,
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Der mit Schädel und mit Hirn
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Hungernd pflügt, sei nicht vergessen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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