Leipzigs Toten!

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ferdinand Freiligrath: Leipzigs Toten! (1843)

1
Sie kam heran im wehnden Trauerflor,
2
Über den See nach ihrem Brauche;
3
Um Huttens Insel beugte sie das Rohr
4
Mit ihres Odems feuchtem Hauche.
5
Ich sah sie nahn, ich sah in sie hinaus;
6
Dann wieder setzt' ich mich zu schreiben –
7
Da trat sie plötzlich finster vor mein Haus,
8
Und hauchte leis an meine Scheiben:
9
»ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
10
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
11
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
12
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

13
O fünfzehnhundertzweiundsiebenzig!
14
Ha, wie da Pulverdampf die Giebel bräunte!
15
Ha, wie da schießend aus dem Fenster sich
16
Hervorbug jener Karl der Neunte!
17
Auch er ein Allerchristlichster, o Schmach!
18
Aufschrie und hetzt' er seine Söldnerrotten,
19
Bis wehrlos hingewürgt am Boden lag
20
Die beste Kraft der Hugenotten!
21
»ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
22
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
23
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
24
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

25
Nicht ganz so blutig wohl, wie dazumal!
26
Doch das ist gleich – hinpfiff die Kugel sausend!
27
Die Opfer stürzten – was liegt an der Zahl?
28
Gleichviel, ob dreizehn oder dreißigtausend!
29
Die Hähne knackten – auf ein Prinzenwort!
30
Ein Wehruf zog durch meine Finsternisse!
31
Livreebedienter, sprühte dreist der Mord
32
Die vielbeliebten, sichern Rückenschüsse!
33
»ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
34
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
35
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
36
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

37
Man hat gesagt: Sie haben es verdient!
38
Wer hat sie rebellieren denn geheißen?
39
Was haben die Verwegnen sich erkühnt,
40
Kronleuchter, allerhöchste, zu zerschmeißen?
41
Man war erstaunt, man war mit Recht empört!
42
Denkt: auf den Boden klirrte Scheib' um Scheibe! –
43
Wohl!... Aber niemals hab' ich noch gehört,
44
Daß man mit Blut zerbrochne Fenster klebe!
45
»ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
46
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
47
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
48
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

49
Und dann sie flohn! Der Blitz des Rohres fuhr
50
In abgewandte, schon geworfne Reihen!
51
Ja, Fliehnde nur, schuldlose Wandler nur,
52
Hat man erlegt mit königlichen Bleien!
53
Ein Weib, ein Kind – o herzzerreißend Weh!
54
Da lagen sie, am Pflaster die Gesichter!
55
– Was ballst du nur an deinem Schweizersee
56
Die zorn'gen Fäuste, heimatloser Dichter?
57
»ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
58
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
59
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
60
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

61
Soll ich noch melden von dem Leichenzug?
62
Der Marsch ertönte, Trauerweisen schallten;
63
Aus diesem Haus und dann aus jenem trug
64
Man einen Sarg, und ernste Fahnen wallten!
65
Nachschoß des Volkes endlos lange Flut –
66
Ach, nie doch wäscht er dies unschuld'ge Blut
67
Von Leipzigs Kiesweg und von Sachsens Raute!
68
»ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
69
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
70
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
71
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

72
Man hat ein Wort: Die Mitternacht ist stumm!
73
Doch schrei' ich laut: Wer soll dies Blut euch stillen?
74
Das allererste floß es wiederum
75
Durch einen Fürsten um des Glaubens willen!
76
O deutsches Land, was trugen dir schon ein
77
Wie deine Fürsten, so dein Glauben! –
78
Allein du liebst es, stets ein Kind zu sein!
79
Nicht
80
»ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
81
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
82
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
83
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

84
Doch heut ein Grollen! An der Gruft kein Spott!
85
Tu, was du mußt! Folg' deinem Wahrheitsdürsten!
86
Hau', wie dich's drängt, dir deinen Weh zu Gott!
87
Nur – suchst du Gott, was fragst du deine Fürsten?
88
Erwache, Deutschland, denk' an jenen Herrn,
89
Der aus dem Louvre schoß mit blindem Wüten!
90
– Fahr wohl, Poet! Ich muß noch nach Luzern!
91
Zu meinen Vätern noch, den Jesuiten!
92
»ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
93
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
94
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
95
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.