An Hoffmann von Fallersleben

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ferdinand Freiligrath: An Hoffmann von Fallersleben (1843)

1
Jetzo, wo die Nachtigall
2
Schlägt mit mächt'gen Schlägen;
3
Wo der Rhein mit vollerm Schall
4
Braust auf seinen Wegen;
5
Wo die Dämpfer wieder ziehn;
6
Wo die grünen Reben,
7
Wo die Blumen wieder blühn: –
8
Jetzt auf einmal eben

9
Denk' ich wieder, wie im Traum,
10
Jener Nacht im Riesen
11
Wo wir den Champagnerschaum
12
Von den Gläsern bliesen;
13
Wo wir leerten Glas auf Glas,
14
Bis ich alles wußte,
15
Bis ich deinen ganzen Haß
16
Schweigend ehren mußte.

17
Düster mit verkohltem Docht
18
Flackerten die Kerzen;
19
Düster und von Zorn durchpocht,
20
Brannten unsre Herzen;
21
Dennoch oft, gleichwie ein Blitz,
22
Finstrer Wolk' entquollen,
23
Brach ein Lachen, brach ein Witz
24
Hell durch unser Grollen.

25
Also ward es rasch zwei Uhr!
26
Trocken die Pokale,
27
Und der jüngste Kellner nur
28
Harrte noch im Saale!
29
Schnarchend lag der kleine Mann
30
In des Sessels Hafen,
31
Und wir sagten: »Der
32
Wahrlich, ist entschlafen!«

33
Endlich stand der Junge wach,
34
Nahm das Licht verdrossen;
35
Wirr aus seinem Schlafgemach
36
Kam ein Lord geschossen;
37
Du doch stiegst die Trepp' hinauf,
38
Derb und nagelschuhig;
39
Schriebst noch in mein Stammbuch drauf:
40
»kobelenz ist ruhig!« –

41
Wieder hat seit jener Nacht
42
Herbes dich bestroffen!
43
Strom und Frühling sind erwacht –
44
Hoffmann, wolle hoffen! –
45
Hoff' und laß der Marken Sand!
46
Mach' dich auf die Beine!
47
Deutscher Männer deutsche Hand
48
Wartet drein am Rheine!

49
Was, ob die gelehrte Spree
50
Feig sich von dir wandte:
51
In die Rheinflut senk' dein Weh –
52
Neue Freunde warten dein
53
An der rebumwallten –
54
Auf drum, und vergiß am Rhein
55
Schnödigkeit der alten!

56
Drum, wo mit der Rede Stahl
57
Badens Männer streiten;
58
Drum auch, wo im Wiesental
59
Lieder dich umläuten;
60
Wo die Düssel flutet hell,
61
Und in Dresels Keller
62
Schlag ein Schnippchen dem Gebell
63
Deiner Widerbeller!

64
Ich auch, der ich jene Nacht
65
Finster mit dir zechte,
66
Ich auch, eben vor der Schacht,
67
Biete dir die Rechte!
68
Ja, auch ich steh' kampfbereit,
69
Gleich sind unsre Zeichen: –
70
Mit Bewußtsein wag' ich's heut,
71
Dir die Hand zu reichen!

72
Herz'ger noch als dazumal
73
Wag ich's, einzuschlagen:
74
Schiefer Stellung volle Qual
75
Mußt' ich damals tragen!
76
Noch nicht recht aus ganzem Holz
77
Schien auch dir mein Leben –
78
Drum auch war ich noch zu stolz,
79
Mich dir ganz zu geben!

80
Alles das ist nun vorbei!
81
Frei ward Lipp' und Zunge,
82
Frei das Auge mir, und frei
83
Dehnt sich Herz und Lunge!
84
Vom Gedanken bis zur Tat
85
Schlug ich dreist die Brücke;
86
Hüben steh' ich, und kein Pfad
87
Führt mich je zurücke!

88
Vorwärts denn – bis übers Grab!
89
Vorwärts – ohne Wanken!
90
Jede Rücksicht werf' ich ab,
91
Satt hinfort der Schranken.
92
Nur das Kühnste bind' ich an
93
Meinen Simsonsfüchsen –
94
Mit Kanonen mit Schlüsselbüchsen!

95
Sieh, so biet' ich dir die Hand,
96
Einer auch von denen,
97
Die sich an des Rheines Strand
98
Die entgegensehnen!
99
Die ins dornige Exil
100
Gern dir Rosen flöchten,
101
Gern ein friedlich Rheinasyl
102
Dir bereiten möchten!

103
Komm darum und glaub' an mich –
104
Aber komm in Eile!
105
Komm, solang ich festiglich
106
Noch am Rheinstrom weile!
107
Eh' ich selber meinen Herd
108
Seh' zum Teufel stieben;
109
Eh' der eignen Lieder Schwert
110
Westwärts mich getrieben!

111
Horch, o horch! die Nachtigall
112
Schlägt mit mächt'gen Schlägen,
113
Und der Rhein mit vollerm Schall
114
Braust auf seinen Wegen!
115
Alles keimt und alles gärt,
116
Alles windet Kränze: –
117
Auch den herbsten Kelch geleert
118
Auf der Zukunft Lenze!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.