Zwei Flaggen

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Ferdinand Freiligrath: Zwei Flaggen (1843)

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Ein Schiff der Mosel auf dem Rhein!
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Es kam zu Berg – die Pferde keuchten!
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Am Vordermast mit hellem Schein
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Sah ich die Flagge leuchten!
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Lang wallend flog sie übers Boot –
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Stattliche Farben, frisch und munter!
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So wahr ich lebe: Blau, Weiß, Rot!
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Und grad' am Flaggenstock herunter!

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Anhielt ich staunend meinen Fuß;
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Da drang vom Schiff zu meinem Ohre
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Stolzlustig ein Franzosengruß:
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»ja doch, schau' her – die Trikolore!«
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Ei, dacht ich zornig, seid nur still!
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Wird doch noch deutsch bei euch gesprochen!
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Lothringisch Volk von Thionville
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Sollt' also nicht auf Frankreich pochen!

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Somit den Wimpel ließ ich ziehn;
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Bald schon verbargen ihn die Zweige.
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Ich bin ihm auf dem Rhein nicht grün,
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Des ist der liebe Gott mein Zeuge!
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Und wollt' er anders auf ihn wehn,
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Als friedlich von beladnem Schiffe:
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Ich würde mit ihm Treffen stehn,
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Wenn zu den Schwertern Deutschland griffe!

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Das Höchste bleiben Land und Herd!
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Doch sonst – kein Wort von blindem Hasse!
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Auch uns ist dieses Banner wert:
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Es brach de Freiheit eine Gasse!
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Noch ist es feucht von Juliblut –
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Nennt eins, das edler und verwegner!
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Drum: sind wir auch auf unsrer Hut,
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Ist uns gerecht doch solch ein Gegner!

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Und runzeln wir ihm auch die Braun,
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Wir sagen doch: Ein wackrer Kämpfer! –
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Denselben Tag im Abendgraun
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Fuhr noch stromab ein Kölner Dämpfer.
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Dem flog, vom Winde flott geschwellt,
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Breit übern Bord der Aar von Preußen;
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Daneben, schwarz im gelben Feld,
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Der Doppeladler aller Reußen!

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Derselbe schwarze, der zerfleischt
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Den weißen jüngst als gute Beute;
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Derselbe, der das Dach umkreischt
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Wildfreier Bergbewohner heute;
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Derselbe, der von seinem Pol
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Rundspäht mit immer kühnerm Dräuen,
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Und, als der Despotie Symbol,
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Feind und verhaßt ist allen Freien!

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Derselbe, der zu dieser Frist
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Als Büttel haust auf unsern Grenzen;
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Der gegendeutsch und undeutsch ist,
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Und dem wir dennoch feig scherwenzen;
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Der nur aus Schlauheit eng und fest
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Den Adler diesseits sich verbündet
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Und keck in jedem deutschen Nest
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Ein Filial des eignen gründet!

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Derselbe! – Drum auch dieses Tal
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Durchstrich er heut und diese Reben!
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Von einem deutschen Filial
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Nahm er den Flug nach Holland eben!
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Drum auch mit freudigem Geklapp
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Schwirrt' unser Adler ihm entgegen!
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Drum sausten beide auch stromab,
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Als ob – nach

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Hinblickt' ich knirschend übern Strand: –
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O Deutschland, du im Dienst der Steppe,
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Du mit Sibirien Hand in Hand,
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Du tragend des Kalmücken Schleppe!
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Du vor dem Polenmörder Zar
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In Unterwürfigkeit zerfließend!
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Du seinen Sohn und seine Aar
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Mit Böllerschuß am Rhein begrüßend!

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Ei, wie das girrt und kokettiert!
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Ei, wie das um sich wirft mit Küssen!
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Glück auf den Weg! Wohin er führt,
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Wir warten's ab – Weh, daß wir müssen!
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Glück zu! Doch das sagt euch der Rhein:
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Ob die Monarchen Freundschaft treiben –
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Die Völker werden Feinde sein,
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Die Völker werden Feinde bleiben!

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Geduld'ger Strom! du trägst und wiegst
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Des Franken Banner und des Slawen!
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Daß du ein
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In jeder Bucht, in jedem Hafen!
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Ein einig deutsches, das – bereit,
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Wenn alzu frech der Hahne krähte! –
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Stolz und beherzt zu gleicher Zeit
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Des Russenadlers Gunst verschmähte!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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