Hamlet

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Ferdinand Freiligrath: Hamlet (1843)

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Deutschland ist Hamlet! Ernst und stumm
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In seinen Toren jede Nacht
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Geht die begrabne Freiheit um
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Und winkt den Männern auf der Wacht.
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Dasteht die Hohe, blank bewehrt,
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Und sagt dem zaudrer, der noch zweifelt:
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»sei mir ein Rächer, zieh dein Schwert!
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Man hat mir Gift ins Ohr geträufelt!«

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Er horcht mit zitterndem Gebein,
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Bis ihm die Wahrheit schrecklich tagt;
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Von Stund' an will er Rächer sein –
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Ob er es wirklich endlich wagt?
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Er sinnt und träumt und weiß nicht Rat;
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Kein Mittel, das die Brust ihm stähle!
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Zu einer frischen, mut'gen Tat
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Fehlt ihm die frische, mut'ge Seele!

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Das macht, er hat zu viel gehockt;
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Er lag und las zu viel im Bett.
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Er wurde, weil das Blut ihm stockt,
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Zu kurz von Atem und zu fett.
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Er spann zu viel gelehrten Werg,
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Sein bestes Tun ist eben Denken;
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Er stak zu lang in Wittenberg,
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Im Hörsaal oder in den Schenken.

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Drum fehlt ihm die Entschlossenheit;
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Kommt Zeit, kommt Rat – er stellt sich toll,
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Hält Monologe lang und breit,
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Und biringt in Verse Groll;
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Stutzt ihn zur Pantomime zu,
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Und fällt's ihm einmal ein zu fechten:
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So muß Polonius-Kotzebue
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Den Stich empfangen – statt des Rechten.

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So trägt er träumerisch sein Weh,
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Verhöhnt sich selber insgeheim,
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Läßt sich verschicken über See,
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Und kehrt mit Stichelreden heim;
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Verschießt ein Arsenla von Spott,
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Spricht von geflickten Lumpenkön'gen –
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Doch eine Tat! Behüte Gott!
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Nie hatt' er eine zu beschön'gen!

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Bis endlich er die Klinge packt,
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Ernst zu erfüllen seinen Schwur;
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Doch ach – das ist im letzten Akt
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Und streckt ihn selbst zu Boden nur!
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Bei den Erschlagnen, die sein Haß
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Preisgab der Schmach und dem Verderben,
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Liegt er entseelt, und Fortinbras
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Rückt klirrend ein, das Reich zu erben. –

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Gottlob! noch sind wir nicht so weit!
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Vier Akte sahn wir spielen erst!
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Hab' acht, Held, daß die Ähnlichkeit
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Nicht auch im fünften du bewährst!
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Wir hoffen früh, wir hoffen spät:
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O, raff' dich auf und komm zu Streiche,
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Und hilf entschlossen, weil es geht,
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Zu ihrem Recht der flehnden Leiche!

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Mach' den Moment zunutze dir!
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Noch ist es Zeit – drein mit dem Schwert,
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Eh' mit französischem Rapier
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Dich schnöd vergiftet ein Laert!
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Eh' rasselnd naht ein nordisch Heer,
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Daß es für sich die Erbschaft nehme!
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O, sieh dich vor – ich zweifle sehr,
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Ob diesmal es aus Norweg käme!

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Nur ein Entschluß! Aufsteht die Bahn –
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Tritt in die Schranken kühn und dreist!
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Denk' an den Schwur, den du getan,
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Und räche deines Vaters Geist!
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Wozu dieses Grübeln für und für?
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Doch – darf ich schelten, alter Träumer?
71
Bin ich ha selbst ein Stück von dir,
72
Du ew'ger Zauderer und Säumer!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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