Aus dem Schlesischen Gebirge

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Ferdinand Freiligrath: Aus dem Schlesischen Gebirge (1843)

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»nun werden grün die Brombeerhecken;
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Hier schon ein Veilchen – welch ein Fest!
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Die Amsel sucht sich dürre Stecken,
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Und auch der Buchfink baut sein Nest.
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Der Schnee ist überall gewichen,
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Die Koppe nur sieht weiß ins Tal;
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Ich habe mich von Haus geschlichen,
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Hier ist der Ort – ich wag's ein einmal:
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Rübezahl!

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Hört' er's? ich seh' ihm dreist entgegen!
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Er ist nicht bös! Auf diesen Block
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Will ich mein Leinwandpäckchen legen –
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Es ist ein richt'ges volles Schock!
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Und fein! Ja, dafür kann ich stehen!
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Kein beßres wird geweht im Tal –
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Er läßt sich immer noch nicht sehen!
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Drum frischen Mutes noch einmal:
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Rübezahl!

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Kein Laut! – Ich bin ins Holz gegangen,
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Daß er uns hilft in unsrer Not!
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O, meiner Mutter blasse Wangen –
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Im ganzen Haus kein Stückchen Brot!
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Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen –
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Fänd' er auch Käufer nur einmal!
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Ich will's mit Rübezahl versuchen –
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Wo bleibt er nur? Zum drittenmal:
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Rübezahl!

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Er half so vielen schon vorzeiten –
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Großmutter hat mir's oft erzählt!
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Ja, er ist gut den armen Leuten,
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Die unverschuldet Elend quält!
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So bin ich froh denn hergelaufen
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Mit meiner richt'gen Ellenzahl!
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Ich will nicht betteln, will verkaufen!
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O, daß er käme! Rübezahl!
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Rübezahl!

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Wenn dieses Päckchen ihm gefiele,
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Vielleicht gar bät' er mehr sich aus!
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Das wär' mir recht! Ach, gar zu viele,
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Gleich schöne liegen noch zu Haus!
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Die nähm' er alle bis zum letzten!
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Ach, fiel auf dies doch seine Wahl!
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Da löst' ich ein selbst die versetzten –
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Das wär' ein Jubel! Rübezahl!
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Rübezahl!

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Dann trät' ich froh ins kleine Zimmer,
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Und riefe: Vater, Geld genug!
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Dann flucht' er nicht, dann sagt' er nimmer:
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Ich web' euch nur ein Hungertuch!
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Dann lächelte die Mutter wieder,
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Und tischt' uns auf ein reichlich Mahl;
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Dann jauchzten meine kleinen Brüder –
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O käm', o käm' er! Rübezahl!
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Rübezahl!«

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So rief der dreizehnjähr'ge Knabe;
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So stand und rief er, matt und bleich.
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Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe
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Flog durch des Gnomen altes Reich.
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So stand und paßt' er Stund' auf Stunde,
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Bis daß es dunkel ward im Tal,
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Und er halblaut mit zuckendem Munde
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Ausrief durch Tränen noch einmal:
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Rübezahl!

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Dann ließ er still das buschige Fleckchen,
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Und zitterte und sagte: Hu!
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Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen
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Dem Jammer seiner Heimat zu.
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Oft ruht' er aus auf moos'gen Steinen,
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Matt von der Bürde, die er trug.
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Ich glaub', sein Vater webt dem Kleinen
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Zum Hunger- bald das Leichentuch!
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– Rübezahl?!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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