Hohes Wasser

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Ferdinand Freiligrath: Hohes Wasser (1843)

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Hallo, nun drücke sich, wer zagt!
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Austritt der Rheinstrom mit Gebrause,
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Schießt in die Gassen ungefragt
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Und macht sich breit vor jedem Hause!
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Pocht an die Türen, stürmt den Herd –
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Da hilft kein Dämmen und kein Stauen!
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Er will dem Städtchen, das er nährt,
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Auch einmal in die Stunden schauen!

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Die braune Bergwand allerwärts
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Schickt ihm ihr dunkelgelb Gerinnsel:
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Komm, tritt ans Fenster, liebes Herz –
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Sieh, unser Haus auch ward zur Insel!
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Doch guten Muts! Ob hier und dort
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Die Flut auch auf die Treppen springe:
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Zu hoch am Fels doch liegt der Ort,
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Als daß es uns ans Leben ginge!

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Sieh, an der Mauer dort das Merk:
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Nicht, Lieb, du kannst den Strich gewahren?
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Dort hemmte sein Zerstörungswerk
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Der alte Rhein vor sechzig Jahren!
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Da, wahrlich, übt' er strengern Brauch,
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Wie hoch der Schaum auch diesmal fliege!
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Da riß er meine Mutter auch
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Mit sich als Kind in ihrer Wiege!

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Doch da sogar, sieh nur den Strich,
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Blieb unser Stand hier ungefährdet!
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Drum auf, lieb Herz, und fasse dich,
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Wie auch die Schneeflut sich gebärdet!
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Drum guten Muts! Gib mir die Hand!
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Glaub' mir, der Strom wird uns verschonen!
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Gott schütze nur das Niederland,
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Und die in seiner Fläche wohnen!

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Du stimmst mir bei, du bist getrost!
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Und doch – aufs neue siehst du trübe!
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Nicht mehr die Flut, die uns umtost –
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Ich weiß, was sonst dich ängstigt, Liebe!
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Dir ahnt, daß eine andreFlut
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Bald unsre Herdstatt überschwemme –
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Ich selber ja mit dreistem Mut
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Öffn' ihr die Schleusen und die Dämme!

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Das offne Wort, das kühn und frei
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Aufriefe gern zu offnen Taten;
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Das ehrlich zürnt und ohne Scheu –
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Das sticht sie durch mit keckem Spaten.
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Das gibt Gewalt dem breiten Strahl,
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Aus diesen liebgewordnen Räumen,
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Aus diesem ganzen prächt'gen Tal
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Auf und von dannen uns zu schäumen!

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Wohin? – noch weiß es Gott allein –
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Doch bin ich freudig und ergeben!
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Und du auch, Liebe, sollst es sein:
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Auch solche Springflut hört zum Leben!
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Sie jagt es auf, sie frischt es an,
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Sie hütet es vor dumpfem Stocken –
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Drum ohne Bangen in den Kahn,
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Und gib dem Sturme deine Locken!

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So recht! – Am Steuer steh' ich dreist,
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Und lasse kühl die Welle branden!
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Ob hier und dort ein Strick auch reißt –
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Wir werden landen und nicht stranden!
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Hell offen liegt vor uns die Welt,
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Ich bin gerecht in vielen Sätteln:
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Solange Faust und Schädel hält,
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Du Liebe, brauch' ich nicht zu betteln!

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Und halten werden beide mir,
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Wär' es auch nur um deinetwillen!
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Um deinetwillen für und für
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Wird günst'ger Wind mein Segel füllen!
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Wie Schiffe sanken, weil ihr Bord
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Zuflucht gewährte einem Schlechten:
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So weht das meine heil zum Port,
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Dir zu Gefallen, der Gerechten!

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Drum laß mich schaffen frank und flott,
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Was ernst die Seele mir gebietet!
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Frisch auf, noch lebt der alte Gott,
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Wie auch die Welle steigt und wütet!
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Recht so: dein Auge strahlt voll Mut!
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Komm an mein Herz – Gott mit uns allen!
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Und – sieh hinaus doch nach der Flut!
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Ist sie nicht wirklich schon am Fallen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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