Im Irrenhause

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Ferdinand Freiligrath: Im Irrenhause (1843)

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Nun noch in diese Kammer tritt –
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Ein einzig Fenster gibt ihr Helle!
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Starr, wie ein Steinbild von Granit,
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Dasteht der Insaß dieser Zelle!
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Dasteht er wie ein Toter schier –
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Nichts, was ihn störte, was ihn weckte!
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Sein gläsern Auge funkelt stier,
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Wie Macbeths, als ihn Banquo schreckte!

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Da jach kommt Leben in den Stein!
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Er springt zurück – was muß er schauen?
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Von wannen nur dringt auf ihn ein
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Haarsträubend dieses wüste Grauen?
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Er hält die Hände schirmend vor,
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Als säh' er Schwerter oder Flammen;
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Er schüttelt sich und heult empor
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Und bricht mit Klagelaut zusammen!

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Und ruft: »Hab' ich euch doch erdolcht!
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Was braucht ihr fürder mich zu quälen?
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Wer schickt euch, daß ihr mich verfolgt,
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Blutrünstige Gedankenseelen?
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Wer hat den Rückweg euch gebahnt
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Aus eurem Nichts, ihr trotzigen Dinger,
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Daß an die Schlachtzeit ihr mich mahnt,
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Drin euch hineinwies dieser Finger?

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Lautlos, wie Ähren, sankt ihr hin,
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Legionenweis – ha, welch ein Mähen!
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Nie kam mir damals in den Sinn,
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Ihr könntet wieder auferstehen!
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Hu – ob ihr's könnt! Im Palast hier
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Erfuhr ich's, drin ich gern sonst wohne,
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Seit ihn für treue Dienste mir
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Anwies als Eigentum die Krone!

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Ein prächt'ger Bau! Doch ganz und gar
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Ein Spukhaus eben, will mich dünken!
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Weh – eine zorn'ge Leichenschar,
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Stürmt ihr heran, mein Blut zu trinken!
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Anstürmt ihr, abgehetzt und bleich,
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Doch auf den Stirnen Mut und Klarheit!
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Zwei hohe Weiber führen euch –
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Die Freiheit, glaub' ich, und die Wahrheit!

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Ja doch, die sind's! – Für sie ja quollt
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Aus Schädeln ihr, tollkühnen, frechen!
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Dreist ihr Gesetz habt ihr entrollt –
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Und jetzt wollt ihr den Hals mir brechen!
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Hohnlachend jetzt den Todestoß
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Nach meinem Herzen wollt ihr führen –
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Fort, ihr Gesindel, laßt mich los!
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Ich will mit euch kapitulieren!

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Ja – aber wie? – der Teufel weiß!
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Halt – hab' ich euch denn nicht verboten?
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Was denn umsteht ihr mich im Kreis?
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Ihr seid ja tot! Fort zu den Toten!
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Fort – hier bin ich im Recht – erlaubt –
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Bückt euch – ich will euch nur zertreten!
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Weh mir, ihr schüttelt ernst das Haupt!
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Ihr sagt: Der Geist läßt sich nicht töten!

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Der Geist? – nicht töten? – Ach, ich Tor!
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Mir gleich, was sie für Reden führen!
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Und doch – wer raunt mir denn ins Ohr:
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Nicht töten, aber wohl verlieren! –
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Ja so – den Geist – so mein' ich's auch!
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Wie ist mir denn? – ich steh' geschlagen!
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Was kann ein armer Zensor auch
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Dem Geiste nur vom Geiste sagen?

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Ihr lacht, Gesindel? – Allesamt
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Flugs in den Staub vor mir gesunken!
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Hui da, was wollt ihr nur? – Verdammt!
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Zu mächtig sind mir die Halunken!
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Die Wahrheit schlägt mich ins Gesicht,
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Die Freiheit bindet mir die Fäuste,
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Anrasseln die Gedanken dicht.
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Weh – wie geschieht mir – Fluch dem Geiste!

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Nein, Gnade, Gnade! Los die Hand!
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Los! O, wie viele waren härter
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Als ich!« – Er fliegt hinan die Wand –
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Da faßt den Rasenden der Wärter.
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Gebändigt hat ihn Jack' und Schnur,
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Auf seinem Lager sieh ihn kauern!
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Komm nun – er war ein Werkzeug nur!
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Laß uns nicht richten – nur bedauern!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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