Vom süßen Brei

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Ferdinand Freiligrath: Vom süßen Brei (1843)

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Sie ist verschwunden wie ein Traum –
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Wer mag den Grabweg ihr versperren?
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Schwer unterdes auf seinem Flaum,
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Schwer ist der Morgenschlaf des Herren.
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Er lallt halbwach: »Das Volk? das Recht?
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Was sie nur will? ich möcht' es wissen!
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Ich schlafe diesen Morgen schlecht« –
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Und sinkt zurück in seine Kissen.

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Da naht von neuem das Gesicht,
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Die letzte Frührast ihm zu stören.
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Sie tritt zu Häupten ihm und spricht:
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»was du gefragt hast, sollst du hören! –
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Ich baute weiland mir ein Schloß,
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Stolz und in Herrlichkeit zu wohnen!
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Aufbaut' ich's mit Vassalentroß –
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Mein ganzes Dienstvolk mußte fronen!

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Schlank in die Lüfte stieg der Bau,
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Schlank mit Gewölben, Bogen, Gurten!
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Aufstieg er, eine prächt'ge Schau,
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Ob auch die Fröner trotzig murrten.
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Da sprach ich: 'Wohl, ich geb' euch Lohn!
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So haltet aus denn in der Treue!
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Und endet mit dem Bau die Fron,
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So letz' ich euch mit süßem Breie!'

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Nun merk': Ich hielt, was ich versprach!
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Wer wird sein Wort dem Volke brechen?
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Nein, heilig sei uns ein Vertrag,
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Und unumstößlich ein Versprechen!
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Nein, hat die Schlösser, die wir baun,
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Mit Schweiß und Blut das Volk gekittet,
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So mög' es auch die Löhnung schaun,
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Die nach dem Pakt es sich erbittet!

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O, prächtig war die Gasterei,
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Als nun die Burg dastand vollendet!
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Nie ward zuvor ein süßer Brei
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Mit volen Löffeln so verschwendet!
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Und alle Jahr' bei Wein und Brot
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Ließ ich den Festtag sich erneuern;
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Es mußt' ihn selbst nach meinem Tod
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Die ganze Herrschaft jubelnd feiern.

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So ward der süße Brei zum Recht!
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Verstehst du jetzt mein Reden besser?
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O Sohn, du und dein Vorgeschlecht,
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Ihr habt erhoben viele Schlösser!
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Und viele Worte sind gesagt,
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Die süßen Brei dem Volk verhießen –
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Kannst du dich wundern, wenn es klagt,
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Und endlich Lust hat, zu genießen?

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Es gab dir Blut, es gab dir Schweiß,
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Und wird dir, was es gab, nicht schenken!
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O, wolle doch des süßen Breis,
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Den du versprochen, bald gedenken!
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O, gib den Brei, den süßen Brei!
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Wer weiß, was wird! rasch fliehn die Stunden!«
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Aufwacht der Herr mit jähem Schrei,
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Und wiederum ist sie verschwunden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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