Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte

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Ferdinand Freiligrath: Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte (1843)

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Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte,
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Nach ew'gen Regeln wiegen sie sich drauf;
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Wenn hier die eine matt und welk verglühte,
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Springt dort die andre voll und prächtig auf.
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Ein ewig Kommen und ein ewig Gehen,
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Und nun und nimmer träger Stillestand!
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Wir sehn sie auf, wir sehn sie niederwehen,
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Und jede Blüte ist ein Volk, ein Land!

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Wir, die wir wandeln noch auf jungen Sohlen,
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Sahn doch schon manche sterbend und geknickt.
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Vom Steppengeier ward die Rose Polen
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Vor unsern Augen wild und grimm zerpflückt!
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Durchs Laub Hispaniens ernst auf ihrem Gange
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Stürmt die Geschichte – ob es fallen muß?
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Ob nicht ein andres, morsch und faul schon lange,
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Zerflatternd hinsaust übern Bosporus?

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Doch neben diesen, die des Weltgeists Weben
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Vom Aste schüttet mit gewalt'ger Kraft,
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Sehn wir ans Licht auch andre Triebe streben,
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Hellaugig, freudig, voll von jungem Saft.
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O, welch ein Sprossen, welch ein reich Entfalten!
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O, welch ein Drang in alt und neuem Holz!
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Wie manche Knospe sahn auch wir sich spalten,
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Wie manche platzen, laut und voll und stolz!

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Regt sich's im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah –
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Frisch, wie Hermann auf den Weserwiesen,
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Frisch, wie sie Luther auf der Wartburg sah!
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Ein alter Trieb! Doch immer mutig keimend,
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Doch immer lechzend nach der Sonne Strahl,
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Doch immer Frühling, immer Freiheit träumend –
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O, wird die Knospe Blume nicht einmal?

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Ja, voller Kelch! – Dafern man nur nicht hütet,
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Was frei und freudig sich entwickeln muß!
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Dafern man nicht, was die Natur gebietet,
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Für Ranke nimmt und eitel wilden Schuß!
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Dafern man zusieht, daß kein Meltau zehre
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Tief an der Blätter edlem, zartem Kern!
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Dafern den Bast man wegwirft und die Schere!
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Dafern – ja nun, ich meine nur: dafern!

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Der du die Blumen auseinanderfaltest,
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O Hauch des Lenzes, weh' auch uns heran!
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Der du der Völker heil'ge Knospen spaltest,
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O Hauch der Freiheit, weh' auch diese an!
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In ihrem tiefsten, stillsten Heiligtume
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O, küss' sie auf zu Duft und Glanz und Schein –
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Herr Gott im Himmel, welche Wunderblume
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Wird einst vor allen dieses Deutschland sein!

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Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte,
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Nach ew'gen regeln wiegen sie sich drauf;
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Wenn hier die eine matt und welk verglühte,
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Springt dort die andre voll und prächtig auf.
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Ein ewig Kommen und ein ewig Gehen,
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Und nun und nimmer träger Stillestand!
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Wir sehn sie auf, wir sehn sie nieder wehen –
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Und ihre Lose ruhn in Gottes Hand!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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