Dorfgeschichten

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Ferdinand Freiligrath: Dorfgeschichten (1843)

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Als Knabe schon von Berg- und Hüttenmännern
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Hab' ich entzückt ein kleines Buch gelesen;
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Es führte mich zu frommen Kohlenbrennern,
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Und ist ein herzigs kleines Buch gewesen,
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Ein rechter Spiegel alter Bauerntugend; –
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Mit Namen hieß es: Heinrich Stillings Jugend.

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Das war die erste deutsche Dorfgeschichte!
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Die hat mit Lied, mit Märchen und mit Sage,
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Die hat in Einfalt und in edler Schlichte
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Das Gold im Volke treu geschürft zutage;
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Die ließ mich schaun durch ihrer Meiler Schwelen
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Im festen Umriß starke, mut'ge Seelen.

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Nach diesem auch hat Pestalozz geschrieben
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Von tücht'gen Herzen unter schlechtem Kittel:
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Wie die Geringen dulden, hoffen, lieben –
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Lienhard und Gertrud ist des Buches Titel.
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Oft las ich es – mit Augen, ach! die quollen! –
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Nun ist es auch wohl, jenem gleich, verschollen!

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Dann kam Brentano! Wie mit Blutestropfen
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Schrieb er sein Annerl in gewalt'gen Zügen!
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Der wußt' es wohl, wie niedre Herzen klopfen,
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Und wie so heiß des Volkes Pulse fliegen!
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Der warf zuerst aus grauer Bücherwolke
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Den prächt'gen Blitz: die

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Da sitzt die Lisbeth bei den Hofeseichen;
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Von seinen Knechten aber steht umgeben
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Der Patriarch, der Hofschulz sondergleichen;
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Ein Fels von Mann, ein gold- und eisenhalt'ger!
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Ein jüngrer Ebert Stiling – nur gewalt'ger!

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Als fünfter nun gesellst du dich zu diesen,
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Die treu geschildert einfach kräft'ge Sitten;
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Aus deines Schwarzwalds tannendunkeln Wiesen
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Mit seinen Kindern kommst du froh geschritten
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Und setzest ein das Tuchwams und die Flechte
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In ihre alten dichterischen Rechte!

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Das ist ein Buch! Ich kann es dir nicht sagen,
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Wie mich's gepackt hat recht in tiefer Seele;
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Wie mir das Herz bei diesem Blatt geschlagen,
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Und wie mir jenes zugeschnürt die Kehle;
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Wie ich bei dem die Lippen hab' gebissen
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Und wieder dann hellauf hab' lachen müssen!

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Das alles aber ist dir nun gelungen,
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Weil du dein Werk am Leben ließest reifen;
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Was aus dem Leben frisch hervorgesprungen,
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Wird wie das Leben selber auch ergreifen,
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Und rechts und links mit Wonnen und mit Schmerzen
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Sturmschritts erobern warme Menschenherzen!

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So geht es dir, so ging es jenen vieren!
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Wie schön ihr dasteht in geschloßner Reihe,
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Für ein Jahrhundert den Beweis zu führen,
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Daß immer jung bleibt deutsche Sitt' und Treue: –
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Derb schaut mich an dasselbe Volksgesichte
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Aus deinen Blättern, wie aus Jungs Geschichte!

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An Neckar, Ruhr, in Bayern, Schweiz und Siegen,
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Ob hundert Jahre sich durchs Land auch drängten,
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Dasselbe Antlitz mit denselben Zügen!
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Und überall noch, was sie auch verhängten:
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Gedrücktsein, Armut, Kriegesnot und Trubeln –
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Dasselbe Lachen, Weinen, Zürnen, Jubeln!

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O, das erhebt! Wer mag ihn unterdrücken,
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Den Kern im Volk, den ewig tücht'gen, derben?
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So laß uns frisch denn auf und vorwärts blicken:
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Der fängt erst an, in Pracht sich zu entfalten –
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Mag Gott die Hände segnend drüber halten!

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In solcher Hoffnung biet' ich dir die Rechte!
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Wär' ich der Schwarzwald, meine Wipfel ballt' ich
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Und schüttelte der Äste Wucht und brächte
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Ein Ständchen dir, wildrauschend und gewaltig!
69
Ich hoff', er tut's! Mag dir auf weitern Flügen
70
Indes mein Handschlag und dies Lied genügen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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