Die Winde

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Ferdinand Freiligrath: Die Winde (1843)

1
Ihr ungesehnen Ströme durch die Luft,
2
Wie triebt ihr eben froh noch euer Spiel;
3
Ihr trugt die Biene, trugt der Blume Duft,
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Und wehtet heiße Mädchenwangen kühl;
5
Ihr jagtet Wölkchen durch der Feste Blau;
6
Von welken Blumen klopftet ihr den Tau;
7
Wie Schneegestöber – o der prächt'gen Schau! –
8
Katalpablüten risset ihr vom Stiel.

9
Jetzt aber brüllt ihr wie der Katarakt,
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Rast wie die Brandung, die ans Ufer prallt;
11
Die Berge zittern, wie von Furcht gepackt,
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Und euch zu Füßen krachend stürzt der Wald.
13
Vor euch, wie Adler, jagt der Wolken Flucht;
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Auf Haus und Hütte wirft sich eure Wucht;
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Wie trocknes Herbstlaub in der öden Schlucht
16
Hebt und zerbricht sie eures Zorns Gewalt.

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Die Vögel flattern, ängstlich und verwirrt;
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Umsonst! zu Tode schmeißt sie eure Wut.
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Der Regen rasselt, und ein Strombett wird
20
Ringsum das Feld, soweit die Ernte ruht.
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Gießbäche taumeln von der Hügel Höh',
22
Das Dorf ertrinkt, die Ebne wird zum See,
23
Und banger Stimmen herzzerreißend Weh
24
Erhebt sich jammernd aus der wüsten Flut.

25
Ihr saust aufs Meer; – da werden Männer bleich;
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Wohin ihr donnert, Angstruf und Gebet.
27
Ihr schlagt die Wasser, einem Vogel gleich,
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Der lustig badend in der Quelle steht.
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Ihr reißt entzwei den Mast und seine Fahn';
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Bis auf den Grund peitscht ihr den Ozean;
31
Berghohe Wellen sprüht ihr himmelan,
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Und Trümmer sind's, was ihr zur Küste weht!

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Wozu dies Toben? – Für die Freiheit nicht
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Zu ringen braucht ihr, daß ihr also tollt;
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Ihr braucht kein Erz zu rütteln, bis es bricht;
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Ihr regt die Schwingen, wie und wo ihr wollt.
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Frei wühlt ihr auf der Tiefe Wogenschwall;
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Wälder und Wüsten füllt ihr an mit Schall,
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Dazu die Inseln, die das Meer umrollt!

40
Wohl seid ihr stark! – Doch in Europa liegt,
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Weh ihr, in Ketten eine stärkere Kraft;
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Auf Thronen sitzt, was ihren Nacken biegt,
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Und überwacht mit Zittern ihre Haft.
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Und Krieger stehn in Waffen um sie her;
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Wenn sie empor will, ziehn sie mitleidsleer
46
Die Bande fester, heben hoch den Speer –
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Tod ihre Strafe, wenn sie auf sich rafft!

48
O, wenn einst sie, wenn der gekränkte Geist
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Der Menschheit einst auch drüben sich befreit;
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Wenn seine Ketten jubelnd er zerreißt
51
Und seiner Hügel als ihr Herr sich freut –
52
O, nicht wie ihr zerstörend ras' er dann;
53
Mit Jammer nicht die Erde füll' er an;
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Mit Blut nicht, das in Menschenadern rann,
55
Befleck' er wild der Erde Lieblichkeit!

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Nein, wie der Frühling mög' er leis erstehn,
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Der, was ihn fesselt, bricht mit sanfter Macht;
58
Wie Odem Gottes naht sein schaffend Wehn: –
59
Da springt das Eis, der Born entquillt dem Schacht!
60
Aus dunklem Kerker schießt die Blum' in Hast;
61
Der Wald erklingt nach langer, dumpfer Rast;
62
Morgen und Abend, sich begegnend fast,
63
Erdrücken zwischen sich die alte Nacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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