Ein Brief

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Ferdinand Freiligrath: Ein Brief (1843)

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Das war ein lustig Ziehen
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Und Reisen durch die Welt!
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Das war ein Fackelsprühen
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Von Zürich bis zum Belt!
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Aus Herzen und aus Küchen
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Stieg Weihrauch dir empor;
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Pelotons von Tafelsprüchen
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Schlugen knatternd an dein Ohr!

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Ein neuer Held Sankt Jürgen
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Durch Deutschland zogst du frei,
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Im Fluge zu erwürgen
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Den Molch der Tyrannei!
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Wie kommt es, daß der Grause
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Noch züngelt ungescheut?
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Verpaßtest du beim Schmause
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Vielleicht die rechte Zeit?

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Du trotziger Diktator,
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Wie bald zerbrach dein Stab!
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Dahin der Agitator,
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Und übrig nur – der Schwab'!
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Verwelkt schon deine Blume!
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Dein Kranz, o Freund, hängt schief!
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Du schriebst dem eignen Ruhme,
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Ach, den Uriasbrief!

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Nun können sie dich bänd'gen,
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Philister und Zelot:
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»da habt ihr den Lebend'gen!
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Er schlug sich selber tot!«
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Wen Ruhmeskleider zieren,
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Der hüte sie, wie Schnee!
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Wahr ist es: Renommieren
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Verdirbt die Renommee!

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Wer sagt, er stände Wache
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Fürs Recht, der halte Stich,
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Und gebe statt der Sache
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Nicht immer nur sein Ich!
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Der schwinge, wo fürs Ganze
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Man ernste Speere bricht,
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Ruhmredig nicht die Lanze,
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Mit der die Hoffart ficht!

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Wer so mit Wein der Ehren
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Empfangen ward, wie du,
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Wie mocht' er den betören,
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Trank auch ein Volk ihm zu?
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O Schmach, im Rausch zu fallen,
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In Händen noch den Krug!
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Berauscht sich zu erlallen
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Des Lächerlichen Fluch!

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Das ist's – Wohl wird geschlagen
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Ein Held im Kriegsgewühl;
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In alt und neuen Tagen
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Schritt mancher ins Exil;
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Doch rings im Volksgetümmel
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Kein Höhnen und kein Groll:
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Sein Stern erlosch am Himmel –
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Doch rein und würdevoll!

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Die Freiheit rang die Hände,
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Da seine band der Strick!
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Wie tote Fackelbrände
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Der Freunde düstrer Blick!
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Ringsum Gewitterstirnen,
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Rings Murmeln durchs Visier,
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Ringsum verhaltnes Zürnen –
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O, ständ' es so mit dir!

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Dir folgt, wie plumpen Schnittern,
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Ein Rauschen, hörbar kaum;
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Das ist der Triebe Zittern
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Am jungen Freiheitsbaum!
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Der Knospen und der Triebe,
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Die freudig ihn geschmückt!
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Die, ach, mit
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Du alle fast geknickt!

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So ziehst du! – Was ich sagte,
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Wohl klingt es schonungslos!
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Doch wer uns Arndt verklagte,
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Zog selber sich das Los!
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Du nanntest den alten Riesen
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Zu alt zu dieser Frist?
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Du hast uns nur bewiesen,
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Daß du zu jung noch bist!

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Zieh hin, – doch um zu kehren!
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Die Freiheit kann verzeihn!
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Bring' ein die alten Ehren,
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Mit Liedern bring' sie ein!
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Der Dichtung Goldstandarte,
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Laß wehn sie, doppeltreich: –
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Poet, wetz' aus die Scharte,
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Wetz' aus den Schwabenstreich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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