So lehnt' er fromm dort seinen Wanderstab

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Ferdinand Freiligrath: So lehnt' er fromm dort seinen Wanderstab Titel entspricht 1. Vers(1843)

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So lehnt' er fromm dort seinen Wanderstab,
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Ein Heros selbst, an der Heroen Grab;
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Gesenkt das Haupt, ein ernster Pilgersmann,
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Trat an die Särge dienend er heran,
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Und ließ voll Mut Unsterblichkeitsgedanken
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Als Totenkranz um ihren Staub sich ranken.

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Ein Opfer, wie er's bringen mußte! – Keins,
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Das würd'ger wäre! – Tief ergreift nur eins!
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Daß er, der Hohe selbst, der es gebracht,
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Sobald schon einging in die »große Nacht«;
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Daß er es brachte nur, um uns zu lehren,
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Wie wir ihn selbst im Tode würdig ehren!

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Gescheh' es denn! – Wir fassen uns ein Herz!
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Verwunden jetzt der erste jähe Schmerz!
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Wir wissen es, ein Gott hat ihn gefällt,
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Am Boden reglos liegt der starke Held;
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Doch eisenadrig trotzt er der Vernichtung,
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Ein edler Fels im Walde deutscher Dichtung.

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Drin wird er ragen – jetzt und immerdar!
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Für viele noch ein schroffes Rätsel zwar;
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Ein Runenstein, mit Moose rauh bedeckt,
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Der den Verzagten und den Blöden schreckt;
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Doch stets des Volkes Edelsten und Größten
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Ein ernster Freund, zu wecken und zu trösten!

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Wie um ihn her auch toben mag der Streit,
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Wie unterm Beil der Jahre Baum an Baum
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Zusammenrasselt – er vernimmt es kaum!
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Der Aar des Ruhmes zieht in treuen Kreisen
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Um seine Stirn: – laßt uns ihn glücklich preisen!

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Und doppelt glücklich, weil mit ehrnem Tritt,
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Recht als ein Sieger, er von dannen schritt;
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Weil, eh' er ihn verließ, auf seinem Pfad
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Sieg noch auf Sieg, Tat folgte noch auf Tat,
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Und weil, die spät noch in sein Leben glänzte,
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Weinend die Liebe seinen Tod bekränzte!

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So wurden die Heroen einst entrückt!
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So die Propheten! – Nachsah tief gebückt
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Des Volks, der Nächsten kummervolle Schar!
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Bald aber senkte Tröstung wunderbar
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In ihre Brust sich! Sie erhuben Steine
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Und legten Kränze drauf! – Wo steht der seine?

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Sucht ihn nicht auf in einer Fürstengruft!
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Er hat ein Grab in frischer Rheinesluft;
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Das Land der Berge sendet Waldeshauch
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Dem jungen Gras, dem jungen Rosenstrauch,
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Die es umwehn; frei netzt es Tau und Wolke –
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Bei Fürsten nicht, er ruht bei seinem Volke.

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Sei es ein Zeichen! – Wie wir ruhn ihn sehn
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Bei allem Volke, wird er auferstehn
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Im Herzen auch des Volks: – er selbst, verklärt
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In uns, in andern! Ew'gen Lebens Herd
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Dies stumme Grab, auf das wir sinnend blicken,
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Und es nach Kräften würdig möchten schmücken!

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Sein bester Schmuck, was er uns selbst vermacht!
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Was er im Herzen frisch uns angefacht:
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Erinnerung, Gedanke, Bild und Wort,
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Weih' es in Andacht jeder diesem Ort!
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Kehr' es ihm wieder, rein und ohne Fehle –
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Mir klingt es also recht in tiefer Seele:

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O, schweift' ich wieder, wo ein Bursch' ich war,
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Auf meiner Heimat waldbewachsner Haar,
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O, ständ' ich wieder, wenn die Drossel schlägt,
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Auf Lisbeths, Oswalds, meinem eignen Boden –
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Da bräch' ich still des Holzes grünste Loden!

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Und flöchte sie zum schattenreichen Kranz;
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Den sollt' er haben, frisch und voll und ganz;
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Den legt' ich fromm auf seinen schlichten Stein!
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Westfälisch Laub! Es müßt' ihn doch erfreun!
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Gewiß, er nähm' ihn – aus der Blätterfülle
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Des Eichkamps seiner prächtigen Idylle!

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Und zu des Kranzes Rauschen spräch' ich dann:
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Das soll ein Dank sein, du gewalt'ger Mann!
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Du Mann der Liebe, wie der schroffen Kraft,
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Wahr, fest, beharrlich, eisern-eichenhaft,
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Fast wie dein Hofschulz! einen stillen Segen
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Und diesen Kranz laß auf dein Grab mich legen!

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Du weißt es nicht, was ich dir schuldig bin!
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Auf dich, als Leuchtturm, blick' ich täglich hin!
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In Kunst und Leben irrt' ich, ach, schon viel:
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Dein hohes Bild gab Richtung mir und Ziel!
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Aus deinem Grabe noch vor wenig Wochen
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Hast du erschütternd mir ins Herz gesprochen!

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In Goethes Räumen jenes ernste Wort!
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Wie eine Glocke hör' ich's fort und fort!
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Es stürmt mich auf, und ruft beständig mir:
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Tu das Gelübde! – Wohl! doch tu' ich's
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Bei dir, dem Festen, den man hieß den Starren,
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Gelob' ich Fleiß, Wahrhaftigkeit, Beharren!

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Zu
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Laß mich, mir selbst und meinem Pfunde treu,
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Nach seinem Maße fürder tun mit Lust,
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Was meines Amtes – ruhig und bewußt
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Mich oben haltend in der Zeitflut Ringen!
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Hilf mir, du Starker! hilf und laß gelingen!

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So würd' ich reden! – Und ich rede so!
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Bald auch der Eiche Blätter hol' ich froh
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Von meiner Heimat Oberhöfen dir:
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Heut sei der Rheinstrom treuer Bote mir!
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Dieselbe Flut, die jetzt zu meinen Füßen
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Ans Ufer schlägt, wird morgen dich begrüßen!

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Ich weiß es nicht, mir ist so kühn ums Herz;
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Hell durch die Brust mir bebt ein mut'ger Klang:
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Für dich kein Lied, wie ich es Grabbe sang!
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Das Haupt gehoben! Dein der Sieg, der Friede!
105
Weh' beider Odem auch in diesem Liede! –

106
Den Toten Ehre, sei ihr Schlummer lind,
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Die Rat und Stab noch den Lebend'gen sind;
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Die ew'gen Lichtes vorglühn unsrer Bahn;
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An deren Gruft, wenn wir ihr zitternd nahn,
110
Um leise weinend ein Gebet zu stammeln,
111
Wir frischen Mut und neue Tatkraft sammeln!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ferdinand Freiligrath
(18101876)

* 17.06.1810 in Detmold, † 18.03.1876 in Bad Cannstatt

männlich

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Lyriker, Dichter und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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