Rede auß meinem Grabe

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Daniel Czepko von Reigersfeld: Rede auß meinem Grabe (1632)

1
O Mensch/ du Grab der Eitelkeit
2
Triet her zu diesem Grabe:
3
Schau was ich dir/ du Raub der Zeit/
4
Darein geleget habe.
5
Was du ietzt bist und dann wirst seyn/
6
Nihm von mir/ dir zur Warnung ein.

7
Ein kleiner Hügel ist mein Reich/
8
Ein Orth von dreyen Ehlen:
9
Vier Brether einem Kasten gleich/
10
Verwahrn mich und viel quehlen:
11
Sechs Schauffeln Erd'/ O sanffte Ruh!
12
Scharrn mich/ und auch viel Sorgen zu.

13
Ich war ein Mensch/ wie du auch bist
14
Von Stand und vom Verstande:
15
Dein gleiches Bild/ dein neben Christ:
16
Jetzt lieg ich hier im Sande.
17
Kein Marmel darff mein Grab erhöhn/
18
Daß ich kan leichter aufferstehn.

19
Was ist der Mensch? deß Todes Ziehl:
20
Deß Irrthums Wirbel wende.
21
Sein Thun? der Eitelkeiten Spiel/
22
Ein Vorsatz sonder Ende.
23
Sein Geist? ein halber Mund voll Lufft
24
Der so viel denckt und schafft und hofft.

25
Kein König: solt' Er gleich an Schein
26
Den Alexander pochen/
27
Ein neuer Welt Beherrscher seyn/
28
Und noch mehr Welten suchen.
29
Kein Bettelman vor deiner Thür/
30
Darff einen grössern Raum vor mir.

31
Hier ist der Gräntzstein aller Macht/
32
Das Zohl-Haus aller Sachen:
33
Kunst/ Schönheit/ Herrligkeit und Pracht/
34
Darff sich nicht drüber machen.
35
Ein Schwerd/ ein Buch/ ein Pflug/ ein Stab/
36
Sucht unter einem Staub ein Grab.

37
So weit/ so weit hast du zu mir/
38
Dein Fuß hat zu der Erden:
39
Der Tod/ dein steter Gast winckt dir:
40
Folg ihm: wiltu klug werden.
41
Was du sonst suchest weit und breit
42
Ist nichts als eitel Eitelkeit.

43
Der Leib/ das Haus/ in dem der Geist
44
Beherbergt so viel Jahre:
45
Der in der Übung ward gepreist/
46
Liegt auff der Todten Bahre.
47
Was hurtig/ was gerad und starck
48
Ist ietzt ein Aaß und fault im Sarg.

49
Ihr/ die ihr Stärck' in Armen spürt;
50
Geschickligkeit in Füssen:
51
In Fäusten gleiche Masse führt
52
Zu lösen und zu schlüssen/
53
Vor Degen/ Ritterspiel und Pferd:
54
Schaut wie der Tod das Blath verkehrt.

55
Was hilfft es/ daß ihr das Rappir/
56
Dem Tibolt nachgetragen:
57
Daß Fürsten nandten ihre Ziehr/
58
Nach dem sich viel geschlagen:
59
Der Tod hat hier mit stracker Hand
60
Gefühl und Klinge mir entwand.

61
Was nutzet es/ daß ihr wohl schwingt
62
Den Fahn und auch die Picke:
63
Wol schieft/ wol schwimbt/ wol laufft und springt
64
Vor sich und auch zu rücke:
65
Den Schenckeln bringt der Tod; Ach Pein!
66
Hier das gelernte Zittern ein.

67
Was dien't es/ daß ihr euer Pferd
68
Umbwerfft zu beyden Seiten:
69
Daß sich der Hengst/ wie ihr begehrt/
70
Lest wol in Schulen reitten:
71
Das Schull- recht mach' ich hier gemach
72
Dem Tod auff seiner Fahlen nach.

73
Ihr/ die ihr viel auff Jugend traut/
74
Auff frische Mannes Kräffte:
75
Viel auff Gewerb und Wirtschafft baut/
76
Auff allerhand Geschäffte:
77
Ein Sarg wie der/ ist euer Lohn/
78
Sonst kriegt ihr warlich nichts darvon.

79
Was ist die Jugend? Ein Gelach
80
Von Tausend Eitelkeiten:
81
Ein Spiel- ein Buhl- ein Lust-Gemach
82
Darinnen wir uns breiten.
83
Schaut wie mich Atropos ietzt hertzt/
84
Daß ich darinnen auch geschertzt.

85
Was ist die Eh'? ein Sorgen Nest.
86
Wie reich/ wie klug/ wie schöne
87
Dein Schatz/ dein liebes Weib gewest/
88
Wie sitsam deine Söhne/
89
Ein ander muß versorgen sie/
90
Diß hatt ich auch/ ietzt lieg ich hie.

91
Was ist die Wirtschafft? eine Lust
92
Mit Unlust stets umbgeben/
93
Doch wol dem/ der ihm wol bewust/
94
Kan auff dem Felde leben:
95
Die Erde/ weil wir Erde sein/
96
Pflügt ich/ ietzt scharrt sie mich drauff ein!

97
Was sind Geschäfft? ein Licht daß sich
98
Begräbet unterm brennen:
99
Wir machen frey von Händeln dich/
100
Eh' als wir Unsre kennen.
101
Der keinem Menschen was versagt:
102
Sieht nicht/ wer nach den Seinen fragt.

103
Der Geist/ ein Wirth/ der durch das Haus/
104
Den Gasthoff geitzer Würme/
105
Hat seine Krafft gebreitet auß/
106
Durch so viel Jahr und Stürme/
107
Ist nunmehr Himmel auff gereist:
108
Kein Pfad das minste von ihm weist.

109
Ihr/ die ihr Kunst und Wissenschafft
110
Erfunden und beschrieben:
111
Von deren Sinnen weisen Krafft
112
Nichts unentdecket blieben.
113
Sehr wenig hab ich nicht gewust
114
Und doch an diesen Orth gemust.

115
Ich hab auf die gebundne Art/
116
Mit mehr als Hundert Büchern:
117
Zwar wollen mir/ vor meiner Farth/
118
Mein Andenckmahl versichern.
119
Jedoch die Bücher scharrt in sich
120
Die faule Mott'/ und Streck-Fuß mich.

121
Gestalt/ und Eigenschafft und Grund/
122
Der wunderbahrn Geschöpffe:
123
Ward mir durch weises suchen kund/
124
Ein Werck vor kluge Köpffe/
125
Der Dinge Glantz durch-ging mich offt/
126
Jetzt lieg ich in der finstern Grufft.

127
Die allgemeine Scheide Kunst/
128
Wies mir das Saltz der Erden/
129
Es solte drauß/ durch Gottes Gunst/
130
Der Weisen Artzney werden:
131
Schaut wie der scheutzlich Alchimist/
132
Der Tod/ mich selber kocht und frist.

133
Das Recht/ daß die Natur und Gott
134
Uns gräbt in das Gewissen:
135
War mir das rechte Grund Gebot/
136
Draus alle Rechts-Lehrn fliessen:
137
Der Vieler/ liegt hier auff der Baar/
138
Ein allgemeines Rath-Haus war.

139
Was sie die Cabala auch kan/
140
Entbilden und enthöhlen
141
Hoch über deß Gemüttes Bahn
142
In einer reinen Seelen/
143
Hab ich geschaut/ erkand/ erfahrn/
144
Jetzt lieg ich untern meisten Schaarn.

145
Und kurtz: die Werckzeug ingesambt/
146
Der höchsten Wissenschafften:
147
Sind abgeschafft: hier endt ihr Ambt
148
Dran manche sich vergafften
149
Nicht eines/ wann du es erkiest/
150
Weiß mehr/ was es gewesen ist.

151
Die Lippen/ die es kund gethan/
152
Die Hand/ in die es kommen:
153
Die Augen/ die es schauten an/
154
Die Ohrn/ die es vernommen:
155
Sind stumm/ sind lahm/ sind blind/ sind taub/
156
Und alles eine Handvoll Staub.

157
Drum der du diese Grabschriefft liest/
158
Und hörst mich unterm Sande:
159
Gedenck an Tod/ wie hoch du bist
160
Am Stand und am Verstande:
161
Du hast nicht einen Schriet zu mir/
162
Dein Grab steht untern Füssen dir.

163
Du wirst auß deiner Felder Raum
164
Ein Grab allda zu liegen:
165
Gewand/ auß deinem Kasten kaum/
166
Zum Sterbe-Kittel kriegen:
167
Von Dienern/ welche dich itzt ehrn
168
Wird man dich nicht mehr nennen hörn.

169
Nackt ein/ nackt zihn wir auß der Zeit/
170
Nichts folgt uns/ wann wir sterben
171
Als deß Gewissens Reinigkeit
172
Das ander bleibt den Erben.
173
Weib/ Kind/ Haus/ Ansehn/ Ambt und Gutt
174
Nihmbstu nicht/ noch sie dich in Hutt.

175
Wann es am letzten Abdruck ist
176
So hilfft dich nichts dein Wissen:
177
Die Künste/ so du vor erkiest/
178
Und dein Verstand verfliessen:
179
Gott sieht bloß deinen Glauben an,
180
Fehlt dieser dir/ fehlst du der Bahn.

181
Der Glauben aber dehn Gott sieht/
182
Muß nichts/ als Christum wissen:
183
Muß dich: drauß ewig's Leben blüht/
184
In seine Wunden schlüssen:
185
Muß ihn und dich in eines ziehn/
186
Denn Gott nimbt sonst nichts an/ als ihn.

187
Gott fürchten/ dieses übertriefft
188
All' andere Gesetze:
189
Und Christum lieben: alle Schrifft/
190
Und aller Weißheit Schätze.
191
Dem heiligen Geiste geben stat
192
Der Menschen allerklügsten Rath.

193
Mein Pilgram/ eines das ist noth/
194
Dasselbe heist: wol sterben:
195
Kanstu es: du siehst nicht den Tod/
196
Wo nicht: du must verterben.
197
Wol sterben/ ist wol aufferstehn/
198
Drauff wart' ich/ du magst fürder gehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Daniel von Czepko
(16051660)

* 23.09.1605 in Q2805434, † 09.09.1660 in Wołów

männlich, geb. Czepko

deutscher Dichter und Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.