Der Persische Prinz, eine Erzählung, an Ihro Königliche Hoheit den Prinzen Heinrich von Preussen

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Anna Luise Karsch: Der Persische Prinz, eine Erzählung, an Ihro Königliche Hoheit den Prinzen Heinrich von Preussen (1764)

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Ben-Ha-Alim, ein Prinz erzogen an dem
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Thron,
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Des grossen Perser Schachs, war seines Bruders
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Sohn,
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Jung, lieblich, angenehm, und in dem ganzen Lande
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Ein kleines Wunderwerk von keimendem Verstande.
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Ben-Ha-Alim gieng einst mit seinem Großvezier
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Lustwandeln in breitschattigten Alleen.
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Ein armer alter Mann blieb in der Ferne stehen;
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Wie ich im schlechten Rock einst an der Kirchenthür
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Versteckt, anbethen stand, und schüchtern neben mir
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Vorbey sah reiche Leute gehen:
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So niederblickend blieb der arme Perser stehen.
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”gegrüsset seyst du mir, o Greiß!
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”dich seegne der Prophet, und Gott, der ihn gesendet!
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So spricht Ben-Ha-Alim zum alten Mann gewendet,
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Der ihn mit nichts zu danken weiß,
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Als nur mit einer stillen Zähre,
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Die von der Wang herunter fließt.
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Schon froh, daß ihn der Prinz gegrüßt,
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Vergaß er, daß er nackt und daß er hungrig wäre;
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Die Hände faltet er auf seinem Stab, und hebt
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Das Auge zu dem Gott, der allem, was da lebt
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Auf Erden, Speise giebt. Ach! spricht Ben-Ha-Alim,
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Der arme Mann! er betet für mein Leben!
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Ich wolt ihm ohne dies schon geben.
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Mein lieber Großvezier! vernimm,
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Du gabst mir heute die Zechinen!
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Sie sollten auf den Monath mir,
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Zu meinen kleinen Kosten dienen;
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Der alt gewordne Perser hier
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Braucht Geld zu Rock und Brodt, er soll die Hälfte haben.
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Der junge Prinz sprach so, und seine Finger gaben
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Den halben Reichthum in die Hand
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Des Mannes, der vor ihm als wie versteinert, stand!
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Zu angenehm erschrack er vor so vielem Gelde.
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Prinz! sprach der Großvezier, dich lohne der Prophet,
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Dann dieser Greiß that jung auch tapfer in dem Felde;
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Siehst du nicht, wie er hinken geht?
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Und welche Narben auf den Wangen
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Er von den Wunden hat, die ihm der Feind gemacht?
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Sein Leben war ihm feil in mehr als einer Schlacht.
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Die Hälfte gabst du ihm, doch hast du nicht bedacht
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Wenn nun bald noch ein Armer käme?
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O! sprach der allerliebste Sohn
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Der frommen Menschlichkeit, Vezier! dann wüst ich schon
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Auch Rath dafür. Mitleidig nähme
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Ich meines Reichthums Ueberrest,
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Und theilt ihn mit dem Mann, den ganz das Glück verläßt.
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Du lehrst mich ja, Vezier! man soll die Menschen lieben.
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Ich wollt es thun, und stünde kein Geboth
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Dazu im Alcoran geschrieben;
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Tief rührte mich des armen Mannes Noth.
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Heyl sey dir, guter Prinz! sprach der Vezier, und redte
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Mit Freudenthränen mehr in seinem Angesicht,
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Als Cicero hoch ausgerufen hätte
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Zum Lob Ben-Ha-Alims. Sprich, Heinrich! würde
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nicht
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Dein ganzes Herz gewogen werden,
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Dem Ha-Alim, von dem das Buch der Perser spricht?
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Die Menschen-Liebe war sein größt Gesetz auf Erden.
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Mich dünkt, du gleichest ihm an Herzen und Ge-
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behrden!

(Karsch, Anna Luise: Auserlesene Gedichte. Berlin, 1764.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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