An den Dohmdechant Freyherrn von Spiegel, zum Diesenberg, als er gesagt hatte, daß er schlaflose Nächte hätte, und bey Lichte nicht gut lesen könnte

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Anna Luise Karsch: An den Dohmdechant Freyherrn von Spiegel, zum Diesenberg, als er gesagt hatte, daß er schlaflose Nächte hätte, und bey Lichte nicht gut lesen könnte (1764)

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Dich flieht der Schlaf? dich sieht die Lampe wachen?
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Du nimmst ein Buch, um dir die Nächte kurz zu
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machen?
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Das Auge fodert Sonnenschein?
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Dein Blick ist, wie die Nächte, trübe?
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Ein Mädchen sollte da dir vorzulesen seyn,
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Ein Mädchen, schön wie Lenz und Liebe!
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Und an Geschmack wie Dichter fein!
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Doch wachend fällt dir nur die Lust zu jagen ein,
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Du wünschest dir im Wald dem Hirschmann nachzusetzen,
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Den Hauer im Morast zu hetzen,
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Ihn fällen, und dann zappeln sehn,
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Wie Russen, die gestürzt in schwarzem Blute röcheln,
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Und krümmend sich im Staube drehn!
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Sie fallen brüllend hin; die Preussen aber lächeln
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Des Heldentodes, sterben so,
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Als ein gerechter Mann, verarmt, auf wenig Stroh
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Im Schlafe lächeln liegt; Ihn träumt von Gottes
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Knechten,
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Von Engeln, die ihm Brodt auch in der Wüste
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brächten.
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So schlief ich ehedem sanft und geruhig ein,
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Vier Kinder um mich her und neben mir ein Gatte,
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Der keinen Gram um Brodt, und keine Pflichten
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hatte,
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Als, über mich ein Herr zu seyn!
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Die Sorgen blieben alle mein;
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Mein süsser Trost der Schlaf, und Träume wie
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Propheten
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Verminderten den Druck von täglich neuen Nöthen;
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Je grösser Kummer nun mit mir zu Bette ging,
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Je lieblicher daß mich der sanfte Schlaf umfing!
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Wie glücklich war ich da! ich fühlte halb mein Leiden!
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Der Tag war schwer für mich! die beßre milde Nacht
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Verliehe dieser Seele Freuden,
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Die noch im Schlafe denkt und wacht.
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Ich lag wie unterm Schutz von einer Gottheit
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Händen,
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Nicht aufgeweckt, bis sich die Schatten von uns
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wenden,
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Bis mir die Sonne schien, da sah ich ihren Gruß
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Wie Gottes Augen an, die auf mich niederblickten.
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Ich bat ihn nie um Ueberfluß;
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Nicht ungeduldig bat ich, Sorgen die mich drückten
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Von mir zu nehmen, nein, ich blieb
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Gelassen, bis er meinen Kummer,
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Wie einen Nebel von mir trieb.
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Dir wünsch ich jenen sanften Schlummer,
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Der mir im Elend Wohlthat war;
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So wirst du nie das Buch erwählen,
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Um Mitternacht wird dir nie deine Ruhe fehlen,
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Zur Sommernacht wird dir die längste Nacht im
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Jahr.

(Karsch, Anna Luise: Auserlesene Gedichte. Berlin, 1764.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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