Vorbitte für einer armen Witwe an das Dohmcapitul zu Halberstadt

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Anna Luise Karsch: Vorbitte für einer armen Witwe an das Dohmcapitul zu Halberstadt (1764)

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Seyd mir gegrüßt, ihr Herren von dem Dohm!
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Ehrwürdiger, als ehedem zu Rom,
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Der Consul und Senat die Völker auszurüsten
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Ins Capitol geeilt, um Nachbarn zu verwüsten;
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Seyd mir gesegneter, als Herren zu Paris,
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Die Ludewig versammlen ließ,
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Im grossen Parlament, um alles Volk zu schätzen,
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Den Krieg mit Nachdruck fortzusetzen;
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Heil sey euch! mehr, als in dem kalten Norden
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Den Ständen, die gemacht, daß Friedrichs naher Freund
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In seiner Schwester Arm, ein Feind
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Trotz seines Herzens ist geworden;
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Ich grüß euch mit dem besten Gruß,
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Der einem Menschen-Freund gebühret;
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Und meine Muse bringt vor euch ein Weib geführet,
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Vom Grabe hergewankt, worauf sie weinen muß.
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Ihr Mann war euer Syndicus!
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Er starb im Sommer seiner Jahre,
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Noch langes Leben sah’ aus seinem Angesicht;
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Ihn brach der Tod, wie Sturm die g’rade Tanne bricht,
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Er fiel! die Wittwe raufte nicht,
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Bey seiner ihr zu frühen Bahre
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Aus tobendem Gefühl die Haare,
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Sie schlug sich nicht an ihre Brust;
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Nein, von zu grossen Schmerz durchdrungen
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War sie erstarrt, sich selber nicht bewußt,
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Denn ihr Verlust war nicht mit Zungen
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Genug zu klagen, ach! die stumme Traurigkeit
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Ward noch von Dichtern nicht gesungen,
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Von Rednern nicht gesagt. Sie ist ein nagend Leid
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Und bricht gewaltiger hervor nach kurzer Zeit;
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Sie strömt in ganzer Thränen-Quelle,
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Die je ein Auge weinen kann;
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Ein nahmenloser Gram liegt vor dem todten Mann
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Am Herzen dieser Frau. Er wird ihr Schlafgeselle;
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Der Mangel sitzt auf ihrer Schwelle;
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Ihn, und acht Kinder sieht sie an,
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So bald die Sonne blickt, die eher noch erscheinet,
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Als diese Mutter Brodt für ihre Kinder hat.
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Sie netzt den Flachs, indem sie weinet,
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Spinnt, und verkauft das Garn dem Händler in
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der Stad
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O der Verdienst macht kaum zween kleine Magen
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satt!
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Er kleidet nicht den Sohn, den noch auf ihren Armen
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Die Amme tragen muß. Er fodert das Erbarmen
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Mit stammelnder Gewalt von dem, der fühlen kann.
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Seht dies verlaßne Kind, seht diese Mutter an,
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Und gebt ihr einen Theil von dem, was der erworben,
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Der euch gedient, und ihr zu bald gestorben!
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Ihr thuts, ihr seht herab, als wie der Menschen-
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freund,
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Ein Engel niedersieht, wenn der Verlaß’ne weint.

(Karsch, Anna Luise: Auserlesene Gedichte. Berlin, 1764.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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