Dem durchlauchtigen Ober-Haupte Fruchtbringender Gesellschafft. Dem Schmackhafften

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Daniel Czepko von Reigersfeld: Dem durchlauchtigen Ober-Haupte Fruchtbringender Gesellschafft. Dem Schmackhafften (1632)

1
Nicht bloß über viel Festen, Städt und Flecken,
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Was vor Leute die Stern auch drunter decken:
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Sondern über viel Künst' und weise Schrifften,
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So die Deutsche Gesellschafft weiß zu stifften:
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/: O ein überaus herrliches Gebiete!:/
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Hertzog vom Wittikindischen Geblüte!

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Daß die Fackel vom Ober Sachsen Creisse
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Euer Weinmar mich also weichen heisse,
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Als vermessen durch eures Schlosses Bogen
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Dieser deutsche Phaleucus kommt gezogen.

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Jedoch, unter so hocherlauchten Helden,
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So von Alpen biß an Codan zu melden,
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Lasset Eure Trabanten, Euch zu grüssen,
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Mir die unterste Staffel nicht verschliessen.

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Von dem Zobten Berg und der Oder Rande
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Komm an Ettersberg ich zur Sala Strande:
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Von der Stadt, die genannt wird von dem Schweine:
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Zu der Stadt, die genannt wird von dem Weine.

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Derowegen, o Haupt der klügsten Sinnen,
20
So die Crone der Wissenschafft beginnen:
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Und den Weinmarischen Hof weit vor Iberen,
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Weit vor Gallien, weit vor Rom verehren.

23
Untern Büchern und Schrifften, so zu preisen,
24
Unter Künsten und Sachen alter Weisen:
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Unter Sprachen und Lehren, so zu mercken,
26
Unter Meistern von Deutscher Art und Wercken.

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Es sey: daß sie den Geist der Tichter fühlen,
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Wie sie an der gelehrten Pegnitz spielen:
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Und in der Hecatombe recht betrachten,
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Wo die Eitelkeit Balde bald wil schlachten.

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Es sey: daß sie die Sonn an Himmel zwecken,
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Ihren Thier Circkel umb das Mittel stecken,
33
Und die Irrstern in ihre Bogen schliessen,
34
Was nach hundert Jahrn sol geschehn, draus wissen:
35
Wie es Cunitia die Zier der Frauen
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In unsterbliche Taffeln hat gehauen:

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Es sey: daß sie durch Stern und Fern Gesichte
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Uns die Ewigkeit machen hell und lichte:
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Und im Monden eine andre Welt beweisen,
40
In die wir mit Gemüth und Augen reisen:
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Drinnen Landschafften, Meer und Berge mercken,
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Und den Schöpffer verehrn in seinen Wercken:
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Wie es Hewelcke vor den Mund gerissen,
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Und vorführet mit Grundgerechten Schlüssen:

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Es sey: daß der verborgene Grund der Erden
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Durch den Meß Stab erkundiget sol werden:
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Und die Welt, die im Mittel noch sol stecken:
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Die der Fuldische Kircher wil erwecken,
49
Der die Ursachen kan vom Licht und Schatten,
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Und vom Zügstein und Einklang uns erstatten.

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Es sey: daß das Geheimnüs in den Zahlen
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Aus der Algebra uns sol überstrahlen:
53
Und der Staub aus des Epicurus Büchern,
54
Den Gassendus so künstlich weiß zu sichern.

55
Es sey: daß sie die Gottheit angeglommen,
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Und wie Paulus vom dritten Himmel kommen:
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Und den Schlüssel zu den geheimen Gründen
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In dem Pathmoschen Offenbahrer finden:
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Welchen unter den vier und zwantzig Alten
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Unser Machæropoeus wil erhalten.

61
Es sey: daß sie Gericht und Recht verstehen,
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Und nach Wissen und nach Gewissen gehen:
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Weder Schulen noch Kirchen in nichts trennen:
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Jedem seines /: Der Welt und Gott :/ zu nennen.

65
Es sey: daß sie die Hand auf Artzney richten,
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Und das Meisterthum in dem Glase schlichten:
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Und vom Ertzte, von Kraütern und von Thieren,
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Durch ihr Alkahest Geist und Wesen führen,
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Wie Montanus das fünffte von den Dingen
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Konte machen, und sich damit verjüngen.

71
Und was Hellas, was vor der Zeit zum minsten;
72
Der Egyptier wust an weisen Künsten:
73
Und die Cabala uns bisher verhalten,
74
So von Engeln empfiengen unsre Alten:
75
Es sey, daß an des Deutschen Palmbaums Rinden
76
Es gepräget steht, oder sich wird finden.

77
Herr, nu unter so hochgepreisten Sachen,
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Die zum Deutschlande Deutschland ersten machen:
79
Unter kunstreichen Wercken, die dem Orden
80
Der fruchtbringenden Ritterschafft sind worden:

81
Nehmet: weit von den wichtigen Geschäfften,
82
Die das Fürstliche Hertz an Sorgen hefften:
83
Wie die Wolfarth der Deutschen zu versichern,
84
Auf dem Reichstag an Waffen und an Büchern:
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Auf dem Reichstag: auf dem das Wolvertrauen
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Über Deutschland wird von dem Himmel schauen.

87
Nehmet: Draus wir noch sehn das Feuer schrauben,
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Weit von Schlacht Schwerdtern, weit von Pickelhauben,
89
Die der Deutsche Carl und dann, als sie schlugen,
90
Wittikindus an Haubt und Faüsten trugen,
91
Und zur Erbschafft verliessen, wie sie lauten,
92
Dessen Enckeln gekrönt mir grüner Rauten.

93
Nehmet: weit sag ich von dem frommen Sorgen,
94
So die Sonne zu Abend und zu Morgen
95
Vor die Kirche, vor euer Land und Leute,
96
Euch zutheilet als eures Standes Beute.

97
Wann ein Lang Örchen unterm raschen Hetzen
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Das erlauchte Gemüthe wird ergötzen:
99
Wann ein Schwartz- oder Roth-Wild unterm Sterben
100
Wird das theilende Weide Messer färben:

101
Wann die Zwiebeln von so viel bunten Arten
102
Sie die Tulipen mahlen in dem Garten,
103
Und Carnarische Zeißgen untern Zweigen
104
Das Gesicht und Gehör werden neigen:

105
Hertzog, wann die gelehrten Eitelkeiten
106
Nach der Taffel euch eine Lust bereiten,
107
Und der Traurigkeit suchen zu entladen:
108
Alsdenn Nehmet die Schluß-Reim an in Gnaden.

109
Sie sind: Alle setz ich dafür zu Pfande:
110
Kurtz an Worten, lang aber am Verstande,
111
Herb an Wurtzeln, süß aber an den Keimen,
112
Schwer an Lehren, leicht aber an den Reimen.

113
Kurtz: man kan sie bald nehmen, bald hinlegen:
114
Lang: man sol sie stets lesen, stets erwegen:
115
Herbe: wer sie wil nach den Worten setzen:
116
Süsse: wer sie kan nach dem Geiste schätzen:
117
Schwer: ein ieder sol nach den Lehren leben:
118
Leicht: ein ieder darff sich bloß Gott ergeben.

119
Statt der leutseeligen Ergötzlichkeiten:
120
Statt der kargen Vergessenheit der Zeiten:
121
Statt der fleissigen Müssiggäng und Wesen:
122
Sind die Reime zwar aufgesetzt zu lesen.

123
Aber: Er: wann er glüht von Abendtheuern,
124
Die sein hitziges Hertz und Haubt durchfeuern:
125
Wann die Göttliche Regung reitzt die Sinnen,
126
Mag der Tichter die Schluß Reim auch beginnen:
127
Er sol leben viel eh, als Reimen lernen,
128
Nicht nach Schaalen sich sehnen, sondern Kernen.

129
Er: wann Er: und was Er? wann sie vor Andern
130
Die Cunitia wird auf Sternen wandern,
131
Und den Ticho de Brahe übersteigen,
132
Mag ihr Antlitz sie auf die Staffel neigen.
133
Was sol jene thun? Es zeigt andre Wonne
134
Die am Creutzes Stamm angezweckte Sonne.

135
Er: wann er durch das Fern Glas auf den Höhen
136
In die Sterne des Himmels sucht zu gehen,
137
Und die Raumstadt, ein Reich von keinen Gräntzen
138
In Gesicht und Gemüthe siehet gläntzen;
139
Mag die Reime, durchfärbt von Wonn und Wesen
140
Der Beschauer der Wunder Gottes lesen:
141
Er kan inner sich Gott: in Gott die Sachen
142
Ihm bekannter als Galilæus machen.

143
Er: wann er mit dem Bley und Winckel-Eysen
144
Wil vom Nordstern an bis zum Creutze reisen,
145
Und die Ruhstatt der schriemen Nabe sehen,
146
Mit dem Fusse da stehn: die Welt umdrehen:
147
Welche ein Archimedes kont erfragen,
148
Mag der Feld Meßer auch das Buch aufschlagen:
149
Das Wort Gottes das hält die beyden Schrauben,
150
Das ergründet kein Dreyeck, sondern Glauben.

151
Er: wann er wil die Zahl auf Blätter schreiben,
152
Und bezifferte Zaubereyen treiben:
153
Wann er grossen Verstand daraus wird haben,
154
Weil das Ende der Welt Gott drein gegraben:
155
Das Johannes und Daniel erwehlen:
156
Mag der Rechmeister auch die Schlüsse zehlen:
157
Wer die Raitung der Welt, wie sie, wil schlüssen,
158
Muß auch Ihr Einmal Eins im Geiste wissen.

159
Er: wann er wird in Gottes Willen stehen,
160
Und des Glaubens Krafft in dem Geist erhöhen:
161
Wann der Geist das Licht wird schaun in dem Lichte,
162
Und Gott selbst von Gesichte zu Gesichte:
163
Wann in Gottes Bild ihn das Schaun wird setzen,
164
Hertz und Lehrstuhl erfülln mit reichen Schätzen:
165
Mag der Geistliche singen ohn Versehren
166
Auch dem Sterbenden diese weise Lehren.
167
Nicht sein, sondern das Wort sol er erheben,
168
Das im Buchstaben todt, im Geiste ist Leben.

169
Er: wann er wird das Recht den Klägern sprechen,
170
Und den Stab über Übelthäter brechen:
171
Schwerd und Wage befreyt von Blut und Gaben
172
Dem Gecreutzigten eingehändiget haben:
173
Und sein End Urtheil Christlich überlegen,
174
Mag der Richter die Zwey-Reim auch erwegen:
175
Wie er Menschen, so wird Gott auch Ihn richten,
176
Und so seine Sache, als er ihre schlichten.

177
Er: wann er wird das Ertz-Saltz überkochen,
178
Und den ersten Zeug aller Dinge suchen,
179
Wird den felsichten Rauch im Glase sperren:
180
Und die färbende Krafft des Wassers dörren:
181
Wird den Raphäel an dem Theil erheben,
182
Den mein Franckenberg an das Licht gegeben:
183
Und die Gabe des Höchsten drüber preisen,
184
Mag der Artzt die Gedicht auch Krancken weisen:
185
Er sol sich vor erforschen, drauff die Erde.
186
Ihm vor selber genung thun, drauff dem Heerde.

187
Auch, die über des Nilus Rätzel rathen,
188
Und die Wunderschrifft dieser Welt erstatten,
189
Die die Buchstaben vom Gewürm und Thieren
190
Itzt aus der Pharaonschen Mund Art führen.
191
Und die Wissenschafft von geheimen Dingen
192
Durch den Oedipus aus Egypten bringen.

193
Auch, die spannen auf Orpheus seine Saiten,
194
Und der Griechischen Argo Lauff begleiten,
195
Die das goldene Fell beym Jason ehren,
196
Und das Meisterthum dieser Schiffarth lehren:
197
Die den Hertzens Grund der Natur aufschrauben,
198
Und uns heissen der Kunst nicht Glauben glauben:

199
Auch die, weil sie Gott so inbrünstig lieben,
200
In der Engel Gesellschafft sind geschrieben:
201
Und die Wahrheit, und voller Zuvertrauen
202
Die Selbständigkeit aller Dinge schauen:
203
Und die Weißheit, weit über Welt und Sternen
204
Hier aus Mercava, dort aus Bresith lernen.

205
Alle diese, wann sie die Sprüche mercken,
206
Werden ihre Gewerbschafft etwas stärcken.
207
Was ein Priester der Isis hält verborgen,
208
Was ein Argonaut eingeschifft voll Sorgen:
209
Was beschauen die wahren Cabalisten:
210
Was erglauben die Gotts gelehrte Christen.

211
Das ist sonder Berg in uns angeloffen,
212
Das ist sonder Sorg in uns zu erhoffen:
213
Das wird wol beschaut und zugleich umbschlossen:
214
Das wird wol erglaubt, und zugleich genossen:
215
Wo auf Worte nicht, sondern Acht auf Leben,
216
Nicht auf Lehre wird, sondern Geist gegeben.
217
Geist und Leben kan Wort und Lehre färben,
218
Und die Farbe behalten, wann wir sterben:
219
Und dis such ich der Ritterschafft im Guten
220
Des Fruchtbringenden Palmbaums zu zumuthen:

221
Aber: ist es erlaubet meinen Musen,
222
Die der Schreck-Schild beschützet von Medusen:
223
Und ich, darff ich vor das Gesichte treten,
224
Welches Mavors und Pallas selbst anbeten:
225
Hertzog: so sag ich /:aber gantz bescheiden:/
226
Fürsten mögen die Vers auch umb sich leiden.

227
Ob sie setzen, so wol was ihr Geschlechte,
228
Als das Römische Reich betrifft zu Rechte:
229
Und die Schwerdter vor beyder Freyheit schwingen,
230
Auf die Hand Pferd erhitzt in Harnschen springen:
231
Und den Adler, und auf des Adlers Brüsten
232
Das Burgundische Creutz, als Deutsch und Christen:
233
Vor den Türcken und Gottes Feinden schützen:
234
Zu Gericht und zu Pferd in einem sitzen.
235
Daß das Kayserthum alle Welt erkenne,
236
Und es beydes gerecht und sieghafft nenne.

237
Ob sie setzen die Krafft von ihrem Stande
238
Deutscher Freyheit und ernster Zucht zu Pfande:
239
Wann die starren Gerippe grauser Ahnen
240
Sie zur eysernen Tapfferkeit ermahnen:
241
So auf Wallstäten stehn, und aufrecht sterben,
242
Und im Tode Befehl thun. Folgt ihr Erben!
243
Wie den Wittikind: wie vor grauen Zeiten
244
Unsern Herrmann sein Westphaln sahn streiten;
245
Der den Varus schlug, daß vor solchem Putzen
246
Mit den Mauern der Kayser wolte stutzen.

247
Ob sie setzen das Grundrecht der Gemeine
248
Und des Gottesdiensts zu dem Angelsteine:
249
Drauf der Münster- und Osnabrügsche Frieden
250
Eingemauert steht: Von Gefahr geschieden:
251
Und mit Bündnüssen ihre Ruh verstärcken,
252
Vor der Liebe des Volcks kein beßres mercken.

253
Ob sie dämpffen die stoltzen Feder Kielen
254
Auf den Lehrstäten, auf den Dreyfuß Stühlen,
255
Die den Gottesdienst und die Freyheit stören,
256
Durch ihr Dintenfaß Blutström in uns röhren:
257
Und viel Seelen verwirrn: und doch zusammen
258
Ihre Zanck Künst in Todes Noth verdammen.
259
Von dem Glauben Vernunfft und Ansehn scheiden,
260
Und sich trösten mit uns mit Gottes Leiden.

261
Ob sie beydes durch trauen und nicht trauen
262
Ihre Sicherheit hier und auswerts bauen:
263
Und den Fürsten des Friedens unter Vieren,
264
Unsern Ferdinand mit der Krone zieren,
265
Die der Adler bereit zum guten Zeichen
266
Auf die Hungrisch und Böhmsche wolte reichen,
267
Den um Schweidnitz wir bey der Huldung fiengen,
268
Biß die Vierdte der Vierdte wird erschwingen.
269
Und wo Gottesfurcht, wo ihr eigne Töchter
270
Weißheit und Mässigkeit ziern die Geschlechter,
271
Und aus Fürsten vermenschte Götter machen,
272
Kan kein Göttlicher Fürst in Deutschland wachen;
273
Ob die Engel ihn unter ihren Thrönen
274
Solten selber erwehlen und bekrönen.

275
Ob sie, sag ich: Gedancken, und Gedancken,
276
Die recht Fürstlich sind, die niemals nicht wancken,
277
Ausser dienstbaren Mund und Hertzen führen,
278
Und die Adern vom Deutsche Blute rühren,
279
Drinnen Geister der edlen Freyheit wallen,
280
Doch sol ihnen dis Buch, hoff ich, gefallen.

281
Nicht umbsonsten. Es werden draus auf Erden
282
Menschen, unter den Menschen, Menschen werden.

283
Wir: das Ebenbild: das nach Gott entsprossen,
284
Wir: das Wunderwerck: das aus Gott geflossen:
285
Wir: das Meisterstück, das von Gott erkohren,
286
Hatten unter uns Gott und uns verlohren.
287
Gott: wir liessen uns seinen Geist nicht führen:
288
Und wir giengen von Engeln zu den Thieren.
289
Draus kam, daß wir worden, wie zu schauen,
290
Aus dem Ebenbild ein Thier voller Grauen:
291
Aus dem Wunderwerck ein Ziel aller Stürme:
292
Aus dem Meisterstück ein Aas grauser Würme.

293
Doch es könt' in dem Abgrund unsrer Seelen
294
Sich ein Füncklein der Göttlichkeit verheelen:
295
Welches, wollt es gleich Höll und Tod vorschweiffen,
296
Doch den Trost der Errettung könt' ergreiffen.

297
Unterm Grauen ward uns' das Wolbehagen
298
Untern Stürmen die Ruhstatt angetragen:
299
Untern Würmen des Lebens Glantz und Frieden:
300
Doch mit ewigen Klüfften unterschieden.

301
Als das Zitternde Füncklein untern Banden
302
In gebährender Angst und Zeit gestanden:
303
Schleust das Tieffste das Höchst in sein Begehren,
304
Uns den Trost der Errettung zu gewähren.

305
Das gewährn, das Erretten, das Vertrösten
306
Machte zwischen Verdammten und Erlösten
307
Ein Heil-wirckendes Creutz: aus den Verdammten
308
Gehn Erlöste vor: Christen aus gesammten.

309
Als die Cabala kam vom Weibes Saamen,
310
Ward das Füncklein durchgläntzt von Gottes Nahmen,
311
Drauf sich steiffet des Glaubens gantzer Orden
312
Weil das Wort Fleisch, und Gott Mensch drüber worden.

313
Das selbständige Wesen alles Wesen,
314
Ohn das nichts, durch das alles muß genesen,
315
Wolt aus innerster Grund- Erbärmbd uns zeigen,
316
Wie wir Himmel an wieder solten steigen.

317
Er läst uns durch zwey Weg' in zweyen Büchern
318
Dessen aus der Natur und Schrifft versichern:
319
Der Natur Weg ist heimlich, der Schrifft offen,
320
Beyde zeigen uns, was wir sollen hoffen.

321
Die Natur ist ein Licht, das vorgebrochen,
322
Als das ewige Fiat ward gesprochen:
323
Das im I seinen Ausfluß hat gefunden,
324
Der ohn Ende sich an das A gebunden:
325
Und so allen Geschöpffen eingegeben
326
Geist und Wesen, Gestalt, und Licht und Leben.
327
Dieses FIAT, das ist das Wort und Wesen,
328
Das Gott selbsten war, und Gott hat erlesen:
329
Ist der Athem und Hauch, davon wir leben
330
Draus die Göttliche Lufft die Parcen weben,
331
Ist das Füncklein, das Weise sonder Gräntzen
332
In der reinen Vernunfft sehn wieder gläntzen:
333
Ist des heiligen Gottes grosser Nahmen,
334
Das erleuchtende Licht des Weibes Saamen:
335
Ist die Wahrheit, die alles ausgesprochen,
336
Die in allen ist, ob man sie wil suchen.
337
In uns ist ja was göttliches zu spühren,
338
Das zu Gott und der Wahrheit uns kan führen,
339
Wann ein ziehender Schrack es angeglommen,
340
Zeigt das Creutze die Bahn, und du solt kommen.
341
Das Buch in der Natur, das kan uns weisen
342
Den geheimen Weg, den die Alten preisen.
343
Den hat Hermes am Leben und an Worten
344
Längst vor Mosen dort umb des Nilus Pforten
345
Nach der Sündfluth gelehrt voll Kunst und Güte
346
Im Pimander gelehrt vom himmlischen Gemüthe.
347
Diesen hat Zoroaster wollen lernen,
348
Der die Gründe der Welt, den Lauff der Sternen,
349
Und der Dinge Gestalt und Krafft erfahren,
350
Und ein König war erster Weisen Schaaren.

351
Den hat Pythagoras durch Stilleschweigen
352
Seinen Jüngern mit Fingern wollen zeigen,
353
Der die Wissenschafft von dem Obern Wesen
354
In den weisen Tetractys gab zu lesen.

355
Diesen hat die Idea auch gewiesen,
356
Welche Plato in seiner Art gepriesen,
357
Der kein andere Seeligkeit kan finden,
358
Als das Hertze Grundaus mit Gott verbinden.
359
Daß nu Gottes Geheimnüße vor allen
360
Durch das Heydenthum man euch hörte schallen,
361
Biß durch König und Priester Er gantz eigen
362
Den Chaldærn und Indien sie bezeigen:
363
So die Wahrheit, der Seelen edle Speise,
364
Ausgebreitet, verdeckter Art und Weise:
365
Und der Völcker, bey denen sie gelesen,
366
Übersinnliche Meister sind gewesen:
367
Weil sie vom Abraham drob lehrten herrschen,
368
In Egypten, vom Daniel in Perschen.

369
Wie von Ursach auf Ursach in den Dingen
370
Sie zur Ursach ohn Ursach endlich giengen:
371
Vor sich Menschen und Erd und Himmel nahmen,
372
Von der aüsren Gestalt zur innren kamen:
373
Biß die Sache sie, daraus alle gehen,
374
Unter einer iedwedern Sache sehen:
375
Und, wann drinnen ihr Hertz und Geist zuflossen,
376
Unaussprechliche Süssigkeit genoßen;

377
Also machen die Menschen diese Reime
378
Durch den Weg der Natur mit Gott geheime:
379
Der von Staffel zu Staffel voll Behagen
380
Sein erbarmende Liebe uns angetragen:
381
Unser Füncklein geht an: wir sehn und fühlen
382
In ihm gründlich die Wahrheit wieder spielen.

383
Aber der Weg der Schrifft: Das Buch der Gnaden,
384
Das uns offenbahret unser Heil und Schaden:
385
In zwey Bünde, von dem Gesetz und Frieden,
386
Durch Verheissen und durch Gewährn geschieden:
387
Weiß die Cabala reiner auszugründen,
388
Die wir in Gott und seinem Worte finden.

389
Denn die Schrifft ist ein Licht, das gantz vollkommen
390
In dem Hertzen der Gottheit angeglommen,
391
Ist die Krafft, durch die Gottes Geist zusammen
392
Die Propheten erfüllt mit heilgen Flammen:
393
Ist das Wort, drauf den Grund der Ewigkeiten
394
Gott gebaut, den kein Teufel kan bestreiten:
395
Ist das Pfand, ist die Richtschnur, ist der Bronnen,
396
Draus die Seeligkeit in uns kömmt geronnen:
397
Hie wird, welches vor alle Ding erkohren,
398
Das unendliche FIAT selbst gebohren:

399
Hier ist, hätt es die Welt doch wahrgenommen,
400
Der versprochene Weibes Saamen kommen:
401
Was kein Weiser im Himmel ie erstiegen,
402
Sehn wir zu Bethlehem im Stalle liegen:
403
Dessen Cabala heist vor andern Lehren.
404
Dis ist mein lieber Sohn, den solt ihr hören.

405
Dieses haben, als sie in Geist gegangen,
406
Adam und Abraham von Gott empfangen:
407
Der ein Vater vom Fleisch, und der vom Glauben,
408
Beyden konte noch Noth, noch Tod es rauben.

409
Die hat Moses und Christus voller Gaben,
410
Der auf Sina, auf Sion der erhaben:
411
Durch Gesetz geben und Gesetz erfüllen,
412
Uns zu offenbahrn unsers Gottes Willen.
413
Diese haben durch Gottes Geist getrieben,
414
Beydes Männer und Boten Gotts beschrieben:
415
Es bezeugt es der heilgen Märtrer Orden,
416
Daß durch Gottes Blut sie bestätigt worden.
417
Die hat Gott in der Christlichen Gemeine
418
Von dem ersten zu diesem Sonnenscheine
419
Vor des Teufels Gewalt und Trotz erhalten:
420
Die Sein Wort, nicht der Menschen lässet walten.
421
Vor der Kirchen, die bleibt bey diesen Worten,
422
Gehn zu Stücke der Höllen düstre Pforten.
423
Ja die Kirch, ob sie solt in eines Hertzen
424
Bloß bestehn, wir den Haß der Pforten schertzen,
425
Wann den Weg der Schrifft Sie nur nicht verlassen,
426
Ohn die Irrthümer Predigstuhl umbfassen:
427
Menschen Zeugnüsse fehlen: Gottes stehen:
428
Auf die muß man in Glaubens Sachen gehen.
429
Denn der Gottesdienst der besteht auf Erden
430
Bloß in dem, wie der Mensch sol seelig werden:
431
Den Weg zeiget die Schrifft, der sol er trauen,
432
So auf Gott durch sein Wort den Glauben bauen:
433
Und daß wir nicht gefähret sollen werden:
434
Wird Gott Mensch, und das Wort selbst Fleisch auf Erden.
435
Was der Väter Schaar aus den vier Buchstaben
436
Mit dem SIN vermischt, hochgewünscht zu haben,
437
Zeigt die Schrifft bloß vor uns; vor uns vorhanden,
438
Uns gebohren, uns gecreutziget, Uns erstanden.
439
Die sind, so nach der Schrifft durch IHN im Wesen
440
Die Barmhertzigkeit Gottes erglaubt, gewesen.
441
Wie sie alle Gewalt aus Gottes Güte
442
Durch ihr Hertze, durch Seel und durch Gemüthe
443
In die höchste ziehn, und sich drinnen leiden,
444
Biß in sein Verdienst sie der Herr wil kleiden:
445
Und drauf voller Trost mit erwecktem Muthe,
446
Rein und heilig von Christus Lehr und Blute.
447
Sich durch Schrifft und durch Geist, /:zwey starcke Schrauben: /
448
In das Hertze der tieffren Gottheit glauben:
449
Das am Creutze der Heyland aufgerissen,
450
Sie durch seine fünff Wunden drein zu schliessen:
451
/:Wol verwahrt. Dann in Gottes Hertz und Gnaden
452
Kan noch Hölle, noch Teufel ihnen schaden:/
453
Also werden, wie Stahl mit Kieselsteinen
454
Den Verstand, die Vernunfft, den Glauben reinen:
455
Und durch Christus Verdienst das Hertz anfeuchten,
456
Draus wir werden sehn Gottes Gnade leuchten:
457
/:Wie sie, als ich sie von der Hand geschrieben,
458
Meinen edlen von Donat angetrieben,
459
Daß in einer Nacht er /:O theurer Orden:/
460
Ein Mensch, ein Christ, ein Gottesfreund ist worden.
461
Dessen eilender Tod ihm bald das Leben,
462
Das er drunter erblickt, in Gott gegeben:
463
Ja es werden, wilst du sie Grundrecht hören,
464
Also dich zu Gott ziehn die Weisen Lehren.
465
Hertzog: Vor Euch, wo es ihm wird gelücken,
466
Wird der deutsche Phaleucus sich nu bücken:
467
Als ein Wegweiser zweyer hohen Strassen,
468
Derer sich nach der Ordnung anzumassen:
469
Die im Tichten des Geists Entzückung fühlen,
470
Die der Sterne Gestalt und Lauff erzielen:
471
Die im Monden uns alle Sterne zeigen,
472
Seine Kugel durch Gläser zu uns neigen:
473
Die im Messen der Erden Wendung finden:
474
Die im Rechnen in Einem Alles gründen:
475
Die im Lehren Gemüth und Gott vereinen:
476
Die im Richten das Recht, nicht Menschen meinen:
477
Die im Heilen sich ziehn auf Gottes Seegen,
478
Der das Mittel kan in die Mittel legen.
479
Auch die: Wesen und Nahmen auszuführen,
480
Der Natur A. B. C. nach buchstabieren.
481
Auch die, welche den Grund der Erde suchen,
482
Und ihr glastendes Hertz aus solchem kochen.
483
Auch die voll Seeligkeit sabbathisiren,
484
Untern Thronfürsten Gottes Lob vollführen.
485
Auch die, welche nach Ehre pflegt zu dürsten,
486
Wie vom Stande so vom Verstande Fürsten.
487
Wann sie ihr und des Reiches Ruh erwegen:
488
Wann die Freyheit sie schützen mit dem Degen:
489
Wann zu Gott sie durch sein Wort gehn und treten,
490
Wann sie Prediger heissen lehrn und beten.
491
Wann sie Reichstäg schliessen und drob halten,
492
Wann sie Ehrsucht und Feindschafft nicht kan spalten.
493
Kurtz: wer unter den Menschen sich im Leben
494
Über Menschliche Dinge wil erheben,
495
Und, daß er sey ein rechter Mensch, erweisen,
496
Muß die Strasse, sonst ist er kein Mensch, reisen.
497
Beyde haben im Hertzen und im Munde
498
Jene Schrifft, die Natur die zu dem Grunde.
499
Es geht beyder Grund, drauf kanst du dich schrauben:
500
Der Natur auf Verstehn, der Schrifft auf Glauben.
501
Ey nu /:wem auch wol solten sie sonst feyern:/
502
Wie die Tichter, was sie voll Gottheit leyern:
503
Wie die Sternfreunde, was sie sehn durch Scheiben:
504
Wie die Schauer, was sie erfahrn und schreiben:
505
Wie die FeldMesser, was die Stäbe tragen:
506
Wie die RechMeister, was sie überschlagen:
507
Wie die Priester, was sie im Geiste schauen:
508
Wie die Richter, was sie vor Urtheil bauen:
509
Wie die Aertzte, was sie bedachtsam suchen,
510
Und aus Kraütern, aus Ertzt, aus Thieren kochen:
511
Euch dem OberHaupt und nach dem Wort Zeichen
512
Dem Schmackhafften in der Gesellschafft reichen:
513
Hertzog: Also nehmt nach den Reichs Geschäfften,
514
Nach des Weinmarschen Hauses Zier und Kräfften:
515
Nach dem Gottesdienst und den heilgen Stunden.
516
Etwa: wie auf der Bahn das Wild von Hunden,
517
Wie die Blumen im Garten von den Reisen:
518
Wie die Frücht auf der Taffel nach den Speisen:
519
Das ist: wie es beliebt: die weisen Lehren.
520
Nehmt, und gönnt mir die Ehr, Euch so zu ehren.
521
Es sol Euer Land drum wie Raute stehen,
522
Euer Haus wie der Palmbaum sich erhöhen,
523
Euer Hoff von gelehrten Leuten gläntzen,
524
Euer Ruhm mit der Welt die Wette gräntzen.
525
Ja es wird der Geburtstamm Eurer Printzen
526
Vor der Sonnen Gewalt am minsten blintzen:
527
Er wird mitten in Sie die Augen werffen,
528
Und nach Adlers Art sein in Euren schärffen.
529
Wol: Ich sehe wie sie voll Gottheit brennen:
530
Beyde Strassen mit freyen Zügeln rennen:
531
So die Schrifft und dann die Natur gebrochen,
532
Jen in Gott, in der Welt ist die zu suchen:
533
Jene Seeligkeit, die kan Weißheit geben,
534
Über Fürsten ein iedre Fürsten heben.
535
Gut: der Weißheit in der Natur nachschlagen:
536
Besser: Seeligkeit in der Schrifft erfragen:
537
An dem besten: Natur und Schrifft vergleichen,
538
Als der göttlichen Wahrheit feste Zeichen.
539
Und nichts weis', als was seelig ist, erkennen,
540
Und nichts seelig, als was da weis' ist, nennen:
541
Beyder Grund ist Gott fürchten und Gott ehren:
542
Den zeig ich der Gesellschaft in den LEHREN.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Daniel von Czepko
(16051660)

* 23.09.1605 in Q2805434, † 09.09.1660 in Wołów

männlich, geb. Czepko

deutscher Dichter und Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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