Türkischer Brauch

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Gottfried Keller: Türkischer Brauch (1845)

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»o welch ein Wehen, Rosalinde!
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Im blütenüberfüllten Tal!
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Durch das Gewölk, getrennt vom Winde,
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Quillt brennendrot der Abendstrahl;
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Wie Feuer fließt der Frühlingsregen,
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Wie Feuer rollt es auf den Wegen
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Und trieft's von jedem Zweig zumal!

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Und siehst du dort die Gruppe ragen,
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Am Kreuzweg, finster in die Glut,
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In sich geschart, wie stumme Klagen,
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Die malerische Bettlerbrut?
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Ein hehres Bild ist hier errichtet,
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Ein jeder Zug ist wie gedichtet –
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Heut sind uns, traun! die Musen gut.

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Gib Stift und Mappe, daß die rasche,
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Die kunstgeübte Zeichnerhand
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Die Perle dieses Bildes hasche,
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Das ich Beglückter heute fand!
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Zu schöner Stunden heitrem Schauen,
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Gemüt und Augen zu erbauen,
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Sei es für immer festgebannt!

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Siehst du, o teure Rosalinde!
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Den bärt'gen Mann mit breitem Hut,
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An dem die Mutter mit dem Kinde –
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Madonnenurbild! – säugend ruht?
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Es ragt das dunkle Haupt des Gatten,
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In sich gekehrt, im braunen Schatten,
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Das ihre schwimmt in Purpurglut.

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Jedoch, daß von der flachen Erde
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Das Bild gerundet auf sich schwingt:
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Siehst du der Kindlein scheue Herde,
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Wie sie der Eltern Knie umringt;
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Und düster, stumm, wie erzgegossen,
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Von Licht und Regen überflossen,
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Es glänzend in die Augen springt!

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Welch einen Adel haucht das Ganze,
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Stolz, wie ein ehern Königsgrab!
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Wie thront in seines Jammers Glanze
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Der Mann mit seinem Bettelstab!
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Dank dir, o freundlichste der Musen,
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Die ein empfänglich Herz im Busen,
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Den feinen Sinn fürs Schöne gab!«

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Da sind, im Tau des Grames schwimmend,
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In dem der Abendstrahl sich bricht,
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Ein großes Sternbild, dunkel glimmend,
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Die Augen
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Sie starren wundernd nach dem Bogen,
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Von dem ihr Konterfei, gezogen
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Von weißer Hand, schon deutlich spricht.

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Und hoch aus seines Elends Mitte
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Hob sich der arme Mann empor,
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Und langsam trugen schwere Schritte
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Die finstere Gestalt hervor;
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Es schlossen fest sich seine Zähne,
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Im Aug der Kränkung bittre Träne,
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Im Antlitz dunklen Zornes Flor,

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Stand er vor den Empfindungsvollen,
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Die im hellichten Abendrot
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Erbleichten ob dem dumpfen Grollen
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Der furchtbar nahen Menschennot:
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»soll ich das sein? o sprich, du Fratze!
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Soll meiner spotten dies Gekratze?«
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Und trat das Bild tief in den Kot.

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»verdammt sei eurer Seelen Kälte,
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Die mit den Blicken, spitz wie Stahl,
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Herschleichend unterm Himmelszelte
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Betasten unsre nackte Qual!«
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Er hob der Armut harten Stecken,
69
Samt Rosalinden floh voll Schrecken
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Der Schöngeist aus dem Blütental.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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