Waldliebe

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Gottfried Keller: Waldliebe (1845)

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Seht den Schuft am Waldessaum
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Mit gewandten Schritten fliegend,
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Den geraubten Föhrenbaum
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Auf der jungen Schulter wiegend!
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Hat die Axt, die er gestohlen,
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Vornen in den Stamm geschwungen,
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Weit noch hinter seinen Sohlen
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Kommt der Wipfel nachgesprungen.
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Wie er heimlich lacht und singt,
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Daß sein Herz im Leibe springt!

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Und die Dirne kommt daher
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Mit gestohlnen Birkenruten;
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Von der Arbeit, lang und schwer,
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Stehn die Wangen ihr in Gluten.
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Und der Bursche wirft die Föhre
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Wie 'ne Feder in den Graben,
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Reißt die Dirne nach, ich schwöre,
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Daß die was zusammen haben!

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Wo ein kleiner Freudenquell
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Tief im Eschengrunde fließet
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Und die Silberadern hell
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Durch das samtne Moos ergießet,
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Wirft der schlanke Dieb sich nieder
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Mit der Dirn im braunen Arm,
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Löst ihr hastig Tuch und Mieder,
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Und er flüstert liebewarm,
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Daß sein glühend Herz erklingt,
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Wie die Nuß im Feuer singt:

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»schätzchen, o du kommst mir just,
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Daß ich meine Schätze grabe,
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Wieder einmal meine Lust
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Am verborgnen Reichtum habe!
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Daß ich prüfe die Juwele:
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Deine Äugelein voll Feuer!
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Daß ich meine Perlen zähle,
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Deine Zähne blank und teuer!

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Zeig mir der Korallen Schein
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An dem frischen, süßen Munde,
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Gib mir schnell mein Elfenbein,
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All das feingedrehte runde!
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Gib mir meine Silberberge,
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Die mich weiß und selig blenden,
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Drin die tausend Liebeszwerge
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Pochen mit den kleinen Händen!«
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Wie ein Has im Kohle springt
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Ihm das Herz und singt und klingt!

47
»laß mich wägen all mein Gold:
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Deines Haares schwere Güsse!
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Laß mich zählen meinen Sold:
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Zähle mir ein Hundert Küsse
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Blank und bar auf meine Lippen,
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Weil uns kein Verräter lauschet!
53
Laß mich von dem Weine nippen,
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Der mich armen Schelm berauschet!

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Nun verhüll die Herrlichkeit
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Mit den Lumpen, mit den Fetzen,
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Daß kein Auge, ungeweiht,
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Spähen kann nach meinen Schätzen!
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Dieses Tuch um deine Haare
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Dreimal, viermal sorglich winde,
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Daß die goldne Schimmerware
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Ja kein Strahl der Sonne finde!«

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Und die Dirne ist davon
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Durch den dunklen Wald gesprungen;
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Wieder hat der Bursche schon
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Seine Föhre aufgeschwungen.
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Wie ihn schnell die Beine tragen
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Mit dem schwanken, langen Raube!
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Einen grünen Siegeswagen,
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Schleift die Krone er im Staube.
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Und vor innerm Lachen springt
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Ihm das Herz und singt und klingt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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