Klage der Magd

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Gottfried Keller: Klage der Magd (1845)

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Nun ist der Lenz gekommen,
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Nun blühen alle Wiesen,
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Nun herrschen Glanz und Liebe
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Auf Erden weit und breit;
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Nur meine böse Herrin,
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Sie keift und zetert immer
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Noch, wie in der betrübten
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Und dunklen Winterzeit!

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Wenn ich am frühen Morgen
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Mit aufgewachtem Herzen
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Im Garten schaff und singe,
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Die Welt mir freundlich blickt:
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Wirft sie mir aus dem Fenster
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Die ungefügen Worte,
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Daß rasch in meiner Kehle
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Ein jedes Lied erstickt!

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Und wenn mein Vielgeliebter
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Am Hag vorüberwandelt
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Und ein paar heiße Blicke
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Mir in die Seele warf:
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Kommt sie und streut mit Schelten
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Und ausgesuchter Bosheit
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Mir in die süße Wallung
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Den Tod, so eisig scharf!

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Und wenn am Mittagsmahle
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Ich mit gesenkten Augen
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Am Tische sitz und esse
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Und mäuschenstille bin:
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Zielt sie mit schiefen Augen,
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Mit harten, spitzen Reden
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Und oft mit groben Scherzen
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Vor allen nach mir hin,

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Daß hungernd ich, mit Tränen
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Das Essen stehenlassen
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Und mich hinweg muß wenden
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Voll Scham und voll Verdruß
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Und weinend im Verborgnen
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Ein Stücklein harten Brotes
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Mit all den harten Reden
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Hinunterwürgen muß!

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O lieber Gott im Himmel!
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Du weißt, wie sehr es schmerzet,
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Wenn man just möchte weinen
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Und dazu essen soll!
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Man schämt sich, es zu zeigen,
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Und kann es doch nicht lassen,
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Es ist ein Zucken, Würgen
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Im Herzen jammervoll!

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Sogar, wenn ich am Sonntag
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Will in die Kirche gehen
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Und mir ein armes Bändchen
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Am Hals nicht übel steht:
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Vergiftet sie mir neidisch
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Mit ungerechtem Tadel
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Die wochenmüde Seele,
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Das heilige Gebet!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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