Der alte Bettler

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Gottfried Keller: Der alte Bettler (1845)

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Nun legst du, alte, knorrenvolle Föhre!
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Den allerletzten Jahresring dir an,
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Da ich mit seiner Axt rumoren höre
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Im Walde schon den grauen Zimmermann.
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Er wird sowenig mit dir federlesen,
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Als jemand über mein Verschwinden klagt –
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Ein alter Lump ist wohl das einz'ge Wesen,
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Dem man des Alters Ehrenzoll versagt!

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Sei's immerhin! ich liebe drum nicht minder
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Dies schöne Land, mein gutes Vaterland,
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Und segne seine frohen, stolzen Kinder
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Mit der verworfnen toten Bettlerhand!
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Ich segne euch, o Strom, Gebirg und Auen,
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Die ihr im Lenzgold heiter vor mir schwimmt!
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Ein Reichtum ist dies selig klare Schauen,
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Den niemand auch dem ärmsten Manne nimmt.

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Als meine Brüder einst vor vierzig Jahren
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Das alte morsche Vaterhaus verkauft,
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Um nach der fernen Neuen Welt zu fahren,
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Wo man sich mit der alten Erde rauft,
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Da bin ich ganz allein zurückgeblieben,
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Bald war es um mein kleines Erb getan;
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Weiß nicht, wie weit sie drüben es getrieben,
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Ich aber fing darauf zu betteln an.

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Denn weder Not noch Mühsal konnten scheiden
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Mich aus den Marken meines Vaterlands –
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Wer will mich zwingen, seinen Schoß zu meiden,
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Zu missen seiner Ströme blauen Glanz?
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Hier will ich wandeln, wo ich bin geboren,
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Und sei's auch in zerrißnen Bettlerschuhn!
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Ging drob die Bürgerehre mir verloren:
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Ich will und muß bei meinen Vätern ruhn!

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Dich sollt ich meiden, trautes Netz der Wege,
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Das
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Und dich, Gebirg, wo ich des Abgrunds Stege
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Auch mit verbundnem Aug beschreiten kann?
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Wo ich der Quellen tiefen Ursprung kenne
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Und jeden Stamm im dunklen Forst gezählt
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Und jede Trift bei ihrem Namen nenne –
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Den Boden, wo mir nie ein Tritt gefehlt?

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O meines Vaterlandes gute Erde,
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Wie kriech ich gern in deinen warmen Schoß!
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Mir ahnet schon, wie süß ich ruhen werde
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In dir, von allem Druck und Irrsal los!
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Wie will ich meine müden Beine strecken,
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Wegwerfend meiner Armut dürren Stab!
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Wie selig mich von West nach Osten recken
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Und unverwüstlich ruhn in meinem Grab!

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Doch spinnt sich weiter meiner Seele Leben,
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So möge sie, im grauen Schattenkleid,
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Vergnügt und still dies gute Volk umschweben,
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Noch immer treu, in Freude wie in Leid!
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Als leichte Mahnung neckend umzugehen
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In seines Glückes hellem Sonnenschein:
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Möcht meine Seligkeit darin bestehen,
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Einst seines letzten Bettlers Geist zu sein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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