Ich wandle taumelnd, wie im Traum

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Gottfried Keller: Ich wandle taumelnd, wie im Traum Titel entspricht 1. Vers(1845)

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Ich wandle taumelnd, wie im Traum,
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Der Frühling tanzt auf Berg und Heide,
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Und zierlich schürzt die Birk' den Saum
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An ihrem grünen Seidenkleide;
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Mein Bettelsack, tanz mit den Reigen,
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Schwing dich hinauf zum tollen Ritt!
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O Birke, wieg auf deinen Zweigen
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Mein armes Ränzel freundlich mit!

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Was macht mein junges Bettlerherz
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Der Heide grüner Glanz so traurig?
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Was bettelt es und was begehrt's,
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Was weht durch mich so süß und schaurig?
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Rasch möcht ich in den Himmel greifen,
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Und meine Lippen zucken leis –
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O könnt ich singen oder pfeifen,
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Was mir im Blute gärt so heiß!

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O traute Birk'! im Morgenstrahl
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Sah ich am Quell mein Mädchen stehen,
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Dann aber froh aus unserm Tal
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Mit Wanderschritten eilend gehen;
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Sie ist dies Jahr so schön geworden,
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Ich sah's mit süßem Schrecken ein!
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Was aber soll bei Bettlerhorden
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Der reichen Schönheit Prunk und Schein?

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Beschränke dich, du eitle Brust!
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Was schiert dich all dies stolze Blühen?
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Umsonst! mich will die fremde Lust
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Weit in die goldne Ferne ziehen!
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O süße Schwester Birke, senke
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Mein Säcklein wieder mir herab,
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Und einen deiner Äste schenke
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Mir noch zum Wanderbettelstab!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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