Poetentod

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Gottfried Keller: Poetentod (1845)

1
Der Herbstwind zieht, der Dichter liegt am Sterben,
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Die Wolkenschatten jagen an der Wand;
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An seinem Lager knien die zarten Erben,
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Des Weibes Stirn ruht heiß auf seiner Hand.

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Darin ein flücht'ger Abendstrahl ertrunken,
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Mit dunklem Purpurwein netzt er den Mund;
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Und wieder rückwärts auf den Pfühl gesunken,
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Tut er den letzten Willen also kund:

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»die ich aus Wunderklängen aufgerichtet,
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Vorbei ist dieses Hauses Herrlichkeit!
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Ich habe ausgelebt und ausgedichtet
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Mein blühend Lied, dich, meine Erdenzeit!

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Das stolz und mächtig diese Welt regierte,
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Es bricht mein Herz, mit ihm das Königshaus!
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Der Gastfreund, der die edlen Hallen zierte,
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Der Ruhm wallt mit dem Leichenzug hinaus.

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Dann löschet meines Herdes helle Flamme
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Und zündet wieder stille Kohlen an,
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Wie's Sitte war bei meiner Väter Stamme,
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Eh ich den Schritt auf dieses Rund getan.

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Und was den Herd in schönen Formen zierte,
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Was sich an alter Weisheit um ihn fand,
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Die heil'gen Schriften, die ich bei mir führte,
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Streut in den Wind, gebt in der Juden Hand:

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Daß meines Geistes namenloser Erbe
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Mit klarem Aug, im leichten Schülerkleid,
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Auf offnem Markt sich ahnungsvoll erwerbe,
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Was ich in Sternennächten eingeweiht.

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Nur meine Rosengärten lasset stehen,
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Bis auch mein herrliches Poetenweib
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Im nächsten Lenze wird zur Ruhe gehen,
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Den Blumen schenkend ihren schönen Leib.

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Dann aber mäht die Rosenbüsche nieder
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Und brechet meine grünen Lauben ab!
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Der Boden trage Kohl und Rüben wieder –
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Nur

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Mein Lied wird siegreich durch die Lande klingen,
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Ein Banner, von den Höhn der Erde wehn;
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Doch ungekannt, mit mühsalschwerem Ringen
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Wird meine Sippe dran vorübergehn.

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Drum sollt ihr meinem Sohn das Leben gründen,
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Gebt ihm ein Handwerk oder auch ein Schwert,
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Und meine Tochter laßt den Freier finden,
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Der sie in Lieb und Treuen redlich nährt.

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Gebt jenen Band verblichner Schrift den Flammen,
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's ist meiner Jugend greller Widerschein;
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Die Asche und mein Lorbeerreis zusammen
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Legt mir zu Häupten dann im Totenschrein!

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Arm, wie ich kam, soll man hinaus mich tragen!
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Den Lorbeer nur will ich mit Zaubermacht
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Als Wünschelrute an die Sterne schlagen
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Nach neuen Klängen aus der Strahlenpracht!« –

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Noch überläuft sein Angesicht, das reine,
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Mit einem Strahl das sinkende Gestirn –
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So glühte eben noch im Rosenscheine,
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Nun starret kalt und weiß des Berges Firn.

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Und wie das Schneegebirg, erlöscht, verblichen,
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Zum Himmel raget zwischen Tag und Nacht,
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Der letzte Nachhall übers Tal gestrichen,
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Dann tiefe Stille auf den Landen wacht:

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Die ganze Größe dieses schönen Spieles
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Liegt in der engen Totenkammer nun,
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Wo Weib und Kinder, stumm, voll Wehgefühles,
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Verlassen um die Dichterleiche ruhn!

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Und wie durch Alpendämmerung das Rauschen
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Von eines späten Adlers Flügeln weht:
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Ist in der Totenstille zu erlauschen,
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Wie eine Geisterschar von hinnen geht.

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Sie ziehen aus, des Seligen Penaten,
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In reiche Prachtgewänder tief verhüllt;
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Sie gehn, die an der Wiege schon beraten,
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Was er in Liedern dann so schön erfüllt.

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Voran, gesenkten Blicks, das Leid der Erde,
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Verschlungen mit der Freude Traumgestalt,
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Die Phantasie, und endlich ihr Gefährte,
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Der Witz, mit leerem Becher, stolz und kalt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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