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Gottfried Keller: 1 (1845)

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Jüngst stand ich mit dem ersten Frühlicht auf
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Und nahm hinaus ins Freie meinen Lauf,
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Wo silbergrau die Morgendämmrung lag,
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Umflorend noch den rosenroten Tag.
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Mich einmal satt zu gehen auf den Feldern
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Vom Morgen früh bis in die späte Nacht,
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Ein bleibend Lied zu holen in den Wäldern,
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Hatt ich zum festen Vorsatz mir gemacht!

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Rein war der Morgen, bald zum Tag erhellt;
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Der volle Liebespuls schlug durch die Welt,
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Die Lüfte wehten und der Vogel sang,
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Die Eichen wuchsen und die Quelle sprang,
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Die Blumen blühten und die Früchte reiften,
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Ein jeglich Gras tat seinen Odemzug,
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Die Berge standen und die Wolken schweiften,
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Und fächelnd mich des Lebens Schwinge trug.

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Ich schlenderte den lieben Tag entlang,
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Im Herzen schlummerte der Hochgesang;
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Es brach sich Bahn der Wachtel leichter Schlag,
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Jedoch
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Es ward Mittag; ich lag an Silberflüssen
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Und sucht die Sonne in der klaren Flut:
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Ich durfte nicht von Angesicht sie grüßen,
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Der ich allein in all dem Drang geruht!

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Die Sonne sank und ließ die Welt der Ruh,
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Die Abendnebel gingen ab und zu.
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Ich lag auf Bergeshöhen, matt und müd,
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Tief in der Brust das ungesungne Lied:
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Da nickten, spottend mein, die schlanken Tannen,
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Und höhnisch sah der Erde Moos empor
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Mit seinen Würmern, die darüber spannen,
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Und lachend brach das Firmament hervor!

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Von Osten wehte rein und scharf der Wind:
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»was suchst du hier, armselig Menschenkind!
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Du stumme Pfeife in dem Orgelchor,
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Du Schlemihl, der da Raum und Zeit verlor?
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Dir ward das Leichteste, das Lied, gegeben,
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Das, selbst sich bauend, aus der Kehle bricht:
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Du aber legst dein unbeholfen Leben,
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Wie einen Stein, ihm auf den Weg zum Licht!«

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So sprach der Wind? – O nein, so sprach der Schmerz,
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Der mir wie Ketten hing ums dunkle Herz.
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Ein fremder Körper, ohne Form und Schall,
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So, deucht' mir, lag ich im lebend'gen All!
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Und Wind und Tannen, Berge, Moos und Sterne,
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Sie schlangen lächelnd ihren weiten Kranz;
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Wie an der Insel in der Meeresferne
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Brach sich an mir der friedlich milde Glanz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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