Sobald ein Dichterkind mit holdem Siege

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Gottfried Keller: Sobald ein Dichterkind mit holdem Siege Titel entspricht 1. Vers(1845)

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Sobald ein Dichterkind mit holdem Siege
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Die Augen aufschlägt hier im Erdentale,
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Stehn schon zwei Genien an seiner Wiege:

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Hell von Kristall hält dieser eine Schale,
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Voll bis zum Rand von feuergoldnem Wein,
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Belebt, durchwebt vom reinsten Sonnenstrahle;

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Des andern Schal' ist dunkler Edelstein,
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Rubin, und faßt des Mohnes dunkeln Saft,
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Durchwoben von des Mondes Zitterschein.

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In beiden Schalen ruht die Lebenskraft,
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Die ihm die treuen Genien rastlos schenken,
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Die ihn durchwallt und seine Lieder schafft.

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Aus beiden Schalen strömt sein Sein und Denken,
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Sein Blühn und Sehnen, fließen Tag und Nacht,
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Ein sonnig Schaun, ein träumerisch Versenken

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In seine Seele, wie sie träumt und wacht.
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Und Preis dem Dichter, wenn die Lebensbecher
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Ihm reich erfunkeln und in gleicher Pracht!

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Doch Halbpoet nur ist der trunkne Zecher,
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Der aus dem
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Sein Herz wird krank, sein Lied alltäglich schwächer. –

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Oh, wenn die Nacht mit ihren Sternen winkt,
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Dann leer die dunkle Schale bis zum Grunde,
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Daß der uralte Zauber in dich sinkt!

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Doch naht mit heil'gem Wehn die Morgenstunde,
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Laß dem Kristall den klaren Trank entquellen
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Und führ, wie sie, der Wahrheit Gold im Munde!

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Tu auf dein Aug des Lichtes goldnen Wellen!
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Laß liegen, die im tödlichen Rausch versunken,
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Die ewig auch den Tag zur Nachtgesellen! –

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So hast auch du die Zauberflut getrunken,
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O Freiligrath! daß Berg und Tal erklungen
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Und sich die Elfen fröhlich zugewunken!

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Vom Morgenland hast ahnend du gesungen;
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Denn als der Morgen leuchtend vor dir stand,
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Da hast du aus den Rosen dich geschwungen

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Frisch und gesund; und sieh! das Morgenland
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Lag ausgebreitet da zu deinen Füßen:
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Kamele, Tiger, Sklaverei und Sand!

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Doch mitten aus der Wüste Finsternissen
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Erblüht' der »Morgen, und vom Rhein« erklang's
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Entgegen dir von hellen Freiheitsgrüßen!

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Und jeder Mund im deutschen Lande sang's:
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»der Freiligrath hat sich zu uns geschlagen!«
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Und jedes Ohr in fernen Gaun verschlang's,

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So weit die deutsche Kunde ward getragen.
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Doch manchem wohl erklang dein Taglied schrill,
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Denn bald sah man die Schergen nach dir jagen.

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Die sonst so nächtlichsanft und muckerstill,
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Es brach die preußische Romantik los,
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Die Mohn und Mohn und wieder Mohnsaft will. –

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So grüß ich dich in dieses Landes Schoß!
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Zwar eben ist's in unsern Bergen düster
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Bei heiterm Frühlingshimmel; heut noch floß

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Ein blutig Rieseln, und ein Klaggeflüster
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Durchzieht den Bergwald; es erdröhnt das Land
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Vom wüsten Schrei der Pfaffen und Philister.

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Wir reichen dir die pulvergeschwärzte Hand,
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Der Trommelschlag verschlingt die Freundesgrüße,
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Und ringsum loht des Hasses roter Brand.

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Auf starre Leichen stoßen deine Füße!
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Hier liegen sie mit ausgestochnen Augen,
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Dort schiffen sie hinab die blauen Flüsse.

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Sieh, wo dir mag ein stilles Plätzlein taugen!
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Du trittst hier in der Freiheit Werkstatt ein,
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Wo zornig ihre Essen sprühn und rauchen.

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Doch mag hier noch der beste Boden sein,
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Wo harrend du dir deine Warte baust;
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Wallt doch nach deinem vielgeliebten Rhein

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Ein jedes Wässerlein, in das du schaust!
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Da wirf hinein die »Späne, die du haust!«

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Und hier, wie dort, die Hoffnungssterne glimmen;
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Bis du wirst drin den Tag der Heimkehr schauen,
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Kannst du derweil zum Sieg die Saiten stimmen.
75
Mich dünkt, du wirst darüber nicht ergrauen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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