Meergedanken

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Gottfried Keller: Meergedanken (1845)

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O wär mein Herz das tiefe Meer
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Und meine Feinde die Schiffe:
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Wie schleudert' es sie hin und her
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An meines Hasses Riffe!

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Und endlich schläng es unter sie,
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Hinunter in die Tiefe,
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Daß drüber glänzend spät und früh
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Der Meeresfrieden schliefe!

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So aber ist's 'ne Welle kaum,
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Von tausenden nur eine,
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Doch nagt und wäscht ihr leichter Schaum
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Am morschen Schiffsgebeine!

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Wir Wellen brausen treu vereint,
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Und eine folgt der andern!
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Wir haben all den gleichen Feind,
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Nach dem wir spähn und wandern.

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Das Unglück ist der Wirbelwind,
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Der peitscht uns, bis wir schäumen
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Und bis wir wach geschlagen sind
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Von unsern Wasserträumen.

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Und endlich sinkt im Trümmerfall,
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Was wir so lang getragen –
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Heil uns, wenn wir mit sattem Schwall
24
Dann oben zusammenschlagen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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