Frau Rösel

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Gottfried Keller: Frau Rösel (1844)

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Frau Rösel ist eine gute Frau, wie liebt sie ihren König!
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Den König und sein ganzes Haus! und ißt und trinkt so wenig!
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Die gute arme Frau Rösel!

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Frau Rösel hat ihren einz'gen Sohn dem König übergeben,
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Er steht und gafft am Schilderhaus, sie nährt mit Spinnen ihr Leben!
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Die gute arme Frau Rösel!

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Und als es hieß, der liebe Prinz wird seine Braut heimführen,
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Da sprach der Vogt: »Frau Rösel mein, ihr müßt euer Haus verzieren!«
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Die gute arme Frau Rösel!

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Nun hat Frau Rösel dick zu tun, wie trippelt sie und wie lauft sie!
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Baumwollenfahnen und Goldpapier und frische Rosen kauft sie,
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Die gute arme Frau Rösel.

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Sie geht zu Wald und sammelt Moos, beim Nachbar bettelt sie Schnüre
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Und alte Nägel und solchen Quark, beim Schuster Kleister und Schmiere!
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Die gute arme Frau Rösel.

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Dann keucht und schafft sie den ganzen Tag und sinnt und klopft und klittert,
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Bis daß das Häuslein um und um behangen und beflittert.
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Die gute arme Frau Rösel!

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Herr Bunzelmann, der alles kann, hilft ihr studieren und kleben,
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Macht Wappen und Kron und Namenszug, sauft zehn Maß Bier daneben.
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Die gute arme Frau Rösel.

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Und aus dem letzten Groschen kauft sie Brot und frische Butter
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Und sitzt vergnügt und harrt in Ruh auf die neue Landesmutter!
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Die gute arme Frau Rösel!

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Wie wird es mir so weinerlich, wenn ich dies Häuslein schaue,
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So flimmerlich und schimmerlich, und drin die alte graue,
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Die gute arme Frau Rösel!

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Und eh sie sich recht umgeschaut, sind schon vorbei die Wagen!
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Und wie das Pärlein ausgesehn, muß sie die Nachbarn fragen,
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Die kurzsichtige Frau Rösel!

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So schlage doch der Teufel drein! ich kann nicht mehr spaßen und narren!
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Wie lange willst du stettig noch in deiner Blindheit verharren,
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Du dummes Weib! du Frau Rösel?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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