15

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Gottfried Keller: 15 (1845)

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Wie ein Fischlein in dem Netz
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Hat der Dom mich eingefangen,
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Und da bin ich festgebannt –
4
Warum bin ich hingegangen?
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Ach! wie unter Kürbisblüten
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Morgenfeucht ein Röslein blitzt:
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Zwischen breiten Bürgersfrauen
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Dort mein feines Liebchen sitzt!

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Die Gemeinde schläft und schnarcht,
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Wie das Laub im Walde rauschet,
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Und der Bettler an der Tür
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Wie ein Räuber auf sie lauschet.
13
Doch ein freundlich Wiesenbächlein
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Murmelnd durchs Gebüsche flieht:
15
So die lange, dünne Predigt
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Schlängelnd um die Pfeiler zieht!

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Eichenbäume, alt und schlank,
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All die gotischen Pfeiler ragen,
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Hoch ein zierlich Blätterdach
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Ihre breiten Äste tragen;
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Drunter durch spielt hin und wieder
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In den Dämmer der Sonnenschein –
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Wachend sind in dieser Stille
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Nur mein Lieb und ich allein.

25
Zwischen uns spinnt sich ein Netz
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Buntgefärbter Sonnenstrahlen,
27
Die den Taufstein mittendrin
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Feenhaft ganz übermalen.
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Rosenketten, Liebesgötter
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Flattern um den alten Knauf,
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Darob wacht in unsren Herzen
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Eine heiße Sehnsucht auf!

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Weit hinaus, ins Morgenland,
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Komm, mein Schatz, und laß uns fliehen!
35
Wo die Palmen schwanken am Meer,
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Rosen hoch wie Feuer glühen,
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Flutend um die große Sonne
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Grundlos tief die Himmel blaun:
39
Angesichts der freien Wogen
40
Frei und ewig uns zu traun!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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