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Gottfried Keller: 11 (1845)

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Ich ging am grünen Berge hin,
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wo sich der Weih im Äther wiegt
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Und reisemüd der Sonnenstrahl
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ausruhend auf der Quelle liegt,
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Wo wilde Rosen einsam blühn,
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die Föhre hoch den Gipfel kränzt
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Und drüberhin noch eine Burg
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von weißen Sommerwolken glänzt.

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Ich dacht an dich, mein süßes Kind!
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an unsrer Herzen stillen Schlag,
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An unser heimlich Liebesband
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und was daraus noch werden mag.
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Ich dachte noch gar mancherlei,
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was sehnend mir die Brust bewegt
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Und was auch jetzt im Traum vielleicht
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dein spiegelklar Gemüt erregt!

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Und wie in solcher Weihezeit
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mein Gott schon manchmal zu mir trat,
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Erschien er jetzo in des Bergs
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frisch jugendgrüner Eichensaat.
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Der jungen Stämme schlanke Schar
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umschwankte säuselnd seine Knie:
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So groß und herrlich ging er her
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vor meiner regen Phantasie!

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Sein Haupthaar war wie Morgengold
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und wallte gar so reich und schwer,
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Und in den klaren Augen ruht'
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ein ätherblaues Liebemeer;
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Ein Regenbogen zog um ihn
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als Gurt die edle Farbenlust;
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Er trug 'nen weißen Blütenstrauß
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von jungen Linden an der Brust.

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Es traf mich seines Auges Strahl
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wie warmer Sonnenschein im Mai,
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Und als er meinen Namen sprach,
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erhob mein Haupt ich stolz und frei:
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Ich wuchs und blühte rasch empor,
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daß ich mir selbst ein Wunder schien,
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Und wandelte mit leichtem Schritt
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an Gottes hoher Seite hin.

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Und plaudernd nun erzählte ich
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Gott all mein irdisch Tun und Sein:
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Doch alles dies besteht ja nur
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aus dir, du feines Kind, allein!
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Aus vollem Herzen sprach ich drum
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von
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Er aber spiegelt' lächelnd sich
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in meiner frohen Seligkeit.

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Dann trug ich ihm auch klagend vor,
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wie ich so gar ein armes Blut,
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Und bat darauf um Haus und Hof,
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um Bett und Schrein, um Geld und Gut,
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Um Garten, Feld und Rebenland,
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um eine ganze Heimat traut,
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Darin ich dich empfangen könnt
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als reichgeschmückte werte Braut.

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Es mußte doch einmal geschehn,
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drum schilt mich nicht und werd nicht rot!
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Hör an, wie mir der Herr für dich
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gar eine schöne Mitgift bot!
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Er sprach: »Zuwenig und zuviel
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hast du verlangt, mein lieber Sohn,
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Drum tu ich dir noch viel dazu
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und nehm ein wenig auch davon!

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Ich gebe euch nicht Haus und Hof,
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doch meine ganze reiche Welt,
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Darinnen ihr euch lieben könnt,
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wie's euren Herzen wohlgefällt!
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Zwei jungen Seelen ist zu eng
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das größte Haus, sei's noch so weit:
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Doch finden sie noch eben Raum
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in meiner Schöpfung Herrlichkeit!

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Der ganze Lenz soll euer sein,
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so weit nur eine Blume blüht,
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Doch nicht das allerkleinste Beet,
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um das sich eine Hecke zieht!
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Ich gebe euch kein Prunkgemach,
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kein Silberzeug, kein Kerzenlicht,
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Weil sich ob silbernem Bronnenschall
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euch Stern an Stern zum Kranze flicht.

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Und alles soll besonders blühn
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und schöner für euch, wo ihr geht,
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Dieweil euch in mein Paradies
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ein eigen Pförtlein offensteht.
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So führe deine junge Braut
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getrost in deine Heimat ein;
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Brautführer soll mein lieblichster
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und allerschönster Frühling sein!

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Die Armut sei die Ehrendam'
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bei deines Herzens Königin,
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Ihr hübscher, zarter Page sei
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ein immergrüner Jugendsinn!
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Zum Haushofmeister geb ich euch
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ein leicht und fröhlich Gottvertraun,
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Es ist ein klug erfahrner Mann,
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dürft auf ihn wie auf Felsen baun!«

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Ist unser Haus nicht gut bestellt
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und auserlesen das Gesind?
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So zaudre nun nicht länger mehr
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und folge mir, du blödes Kind!
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Ich glaub, auf deinen Wangen spielt
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vom Morgenrot ein Widerschein:
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Sobald die Sonn am Himmel steht,
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will ich als Freier bei dir sein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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