Hör an, mein Kind, was ich dir kosend sage

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Gottfried Keller: Hör an, mein Kind, was ich dir kosend sage Titel entspricht 1. Vers(1845)

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Hör an, mein Kind, was ich dir kosend sage,
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Wie mich ein Traum betrog so wunderbar:
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Es war an einem stillen Feiertage,
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Als ich mit dir bei Gott im Himmel war.
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Er schaute eben noch vom Taubenschlage
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Aus in die Sonntagswelt, so weit und klar,
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Und ob dem fernen Glockenklang allmählich
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Entschlief er auf ein Stündchen sanft und selig.

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Man hörte kaum die Menschen unten singen,
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Im Himmel aber war es still und leer;
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Nur an der Sternenuhr das Pendelschwingen
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Klang langsam und gemessen hin und her,
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Und mäuschenstill, in seligem Umschlingen,
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Sah ich in deines Augs urtiefes Meer;
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Da hatte plötzlich ich den Mut gefunden:
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Bat um den ersten Kuß dich unumwunden!

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»um dreie von den Sternen, die dort schweben,
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Geb ich dir, Lieber, meinen ersten Kuß!«
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So sagtest lächelnd du, mein süßes Leben;
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Ich aber eilte, schon im Vorgenuß,
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Die Goldnen aus den Angeln zu erheben,
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Und brachte sechse dir zum Überfluß;
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Du aber drauf: »Wie mich die Dinger laben!
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Um noch zwölf andre sollst den Kuß du haben!«

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So ging es fort; verdoppelt immer wieder
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Erhöhtest du den teuren Liebespreis;
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Und zwiefach dürstend holte ich hernieder
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Dir Stern um Stern aus ihrer Brüder Kreis.
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Du schmücktest emsig deine schönen Glieder,
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Verlachend heimlich meinen heißen Fleiß;
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Und zu erkaufen meine höchste Wonne,
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Blieb mir am Ende nur noch Mond und Sonne!

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Ich brachte sie; und um die Stirne hingest
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Die helle Sonne du mit stolzer Lust,
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Mit Sternen du den Schwanenhals umfingest,
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Der Mond erstrahlte mild an deiner Brust;
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Dann himmelauf und -ab du dich ergingest,
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All deiner Schönheit siegreich dir bewußt!
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Von dir allein nun strömte alle Helle,
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Ich lag vor dir als vor des Lichtes Quelle!

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Der Himmel ruhte noch im tiefsten Schweigen,
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Wie vor dem Jüngsten Tag ein stilles Grab;
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Und eben wolltest du dich selig neigen,
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Gerührt, bezwungen, sanft auf mich herab,
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Die süße Gunst mir endlich zu erzeigen,
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Wofür ich Sterne, Sonn und Mond dir gab:
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Da brach ein Angstschrei durch des Himmels Hallen,
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Als wollt die Welt aus ihren Fugen fallen.

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Indem ich dir den Sternenschmuck errungen,
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Hatt ich die Welt um Licht und Zeit gebracht;
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Des hatte sich die Klage aufgeschwungen,
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Und schreiend lag die Erde in der Nacht.
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Der erst so friedlich in den Schlaf gesungen,
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Gott Vater ist da zornig aufgewacht,
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Verweisend mich an meiner Schulter rüttelnd;
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Du flohst davon, den Schimmer von dir schüttelnd!

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Du flohst davon und lachtest mit Behagen,
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Indessen ich mit saurem Schweiß begann,
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Die Sterne wieder alle fortzutragen,
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Und sie zu ordnen mühsam mich besann.
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So hatte sich der Handel schon zerschlagen,
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Von welchem ich so bösen Lohn gewann!
63
Heut ist an dir das Träumen und das Dichten:
64
Willst du mir nun die süße Schuld entrichten?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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