Sitzt man mit geschloßnen Augen

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Gottfried Keller: Sitzt man mit geschloßnen Augen Titel entspricht 1. Vers(1844)

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Sitzt man mit geschloßnen Augen
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Einsam in dem dunklen Zimmer,
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Blitzt oft durch die zarten Lider
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Plötzlich roter Kerzenschimmer;
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Weiß ich doch, daß Sonnenstrahlen
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Durch die Augendeckel dringen
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Und in flimmernden Gebilden
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Sich um unsre Seele schlingen.

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Also saß ich in der Dämmrung,
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Müd von Erdenlärm und Staube,
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Eingelullt vom Abendrote,
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Schlummernd in der grünen Laube:
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Da begann von Licht und Blumen
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Gar ein seltsam schimmernd Weben
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Und ein Ranken um die Augen
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Wie von goldnen Zauberreben.

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Rote Rosen, weiße Rosen,
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Primeln, Tulpen und Narzissen,
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Dahlien von hundert Farben
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Sah ich durcheinander sprießen!
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Purpur, Gold, Azur und Silber
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Flimmerten in Wechseltönen,
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Lila, Rosa, heitres Meergrün
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Mußten Glanz mit Glanz versöhnen!

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O das war ein prächt'ger Reigen,
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Wie die Farben all ihn tanzten,
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Wie die Btütenstern' und -glocken
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Ringelnd sich in Beete pflanzten! –
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Aber in den Wundergarten
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Senkte eine Jakobsleiter
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Von zwei Strahlen sanft sich nieder
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Aus zwei Sternen, bläulich heiter!

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Kleine blonde Liebesengel
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Schwebten daran auf und nieder,
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Stiegen in den Sternenhimmel,
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Kehrten in mein Herze wieder;
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Weckten andre hübsche Knaben,
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Die darinnen träumend schliefen
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Und darauf mit ihnen spielend,
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Kosend durch die Blumen liefen.

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Und die aus dem Himmel kamen,
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Wollten meines Herzens Kinder
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Ringend mit sich aufwärts ziehen;
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Aber diese auch nicht minder
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Hielten stand und kämpften wacker,
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Als sie jene dicht umschlangen,
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Hielten sie in meines Herzens
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Tiefstem Grunde bald gefangen!

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Oben an der Himmelsleiter
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Eine klare Seele schwebte,
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Die halb zornig, halb mit Lächeln
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Sie zurückzulocken strebte;
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Doch es schien mir im Gefängnis
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Ihnen leidlich zu gefallen;
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Denn ich sah, der Herrin trotzend,
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Bunt sie durcheinanderwallen!

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Und sie mußte sich bequemen,
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Endlich selbst herabzusteigen,
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Sah sich plötzlich dann gefangen
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Mitten in dem frohen Reigen.
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Doch für all den Liebesjubel
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Ward mein Herz zu eng und nieder:
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Klingend sprangen auf die Pforten,
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Sprangen auf die Augenlider!

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Sieh! da standest
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Schläferaugen schweigsam schauend,
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Vorgebogen, unbefangen,
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Auf den festen Schlaf vertrauend;
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Wurdest rot und flohst vorüber,
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Ungeschickt ein Liedlein summend
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Und vergeblich dein Geheimnis
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In der Dämmerung vermummend!

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Fliehe nur, verratne Seele,
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Trostlos durch des Gartens Blüten!
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Such dir beßre Zauberdrachen,
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Deines Busens Schatz zu hüten!
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Töricht Kind! nun magst du immer
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Dreifach mir dein Herz verschließen:
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Unerbittlich seh ich innen
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Für mich rote Rosen sprießen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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