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Gottfried Keller: 2 (1845)

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Durchs Frührot zog das Wolkenschiff
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vor einem hellen Frühlingstag,
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Als ich, ein träumend Schülerkind,
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im morgenstillen Felde lag;
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Ein Falter streifte meine Stirn,
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und vor mir eine Lilie stand;
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Ich aber schaute drüber hin
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ins tiefe blaue Morgenland.

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Das ganze Erdreich schwoll empor
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in tausendfacher Blütenlust;
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Doch mächtiger schwoll Traum an Traum
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und Bild an Bild aus meiner Brust:
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Das war die duftige Kinderwelt,
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an deren Scheide ich mich fand,
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Die wie die erste Blüte sich,
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am Lebensbaume, mir entwand!

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Sie baute sich noch
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mit letztem Glanz, im letzten Flor;
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Ein lieblich wunderlicher Bau,
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ein Feentempel stieg empor
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Von hundert Säulchen, zart wie Glas,
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Altärlein, Nischen – Bildchen drin,
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Bepriestert war das Wunderhaus
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nach mystisch heil'gem Kindersinn.

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Und mitten in dem Tempel stand,
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durchsichtig, ein kristallner Sarg,
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Der eine rosenrote Frau,
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auf Feuerlilien schlafend, barg.
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Vier Riesen lagen um den Schrein
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mit schlummernden Falken auf der Faust;
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Sie nickten oft im Morgenwind,
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der ihnen um die Schläfe braust'.

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Da ging die Sonne flammend auf
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und schmolz den Tempel auf den Grund,
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Nur in der wehenden Asche noch
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der Schrein mit seinen Hütern stund;
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Worauf der wärmste Sonnenstrahl
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den Deckel von Kristall erschloß,
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So daß der rosigen Schläferin
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der Tag sich in die Augen goß.

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Und auch die Riesen wachten auf
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die sandten ihre Falkenzucht
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Aus in den goldenen Morgenschein
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nach aller Winde fröhlicher Flucht.
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Sie stiegen auf ins Ätherblau
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und brachten in
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Der Dame im kristallnen Sarg
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eine scheue weiße Taube zurück.

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Halb Kind, halb Jüngling, träumend noch,
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fand ich die Liebe im Morgentau;
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Ich trug sie singend in der Brust,
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heimkehrend von der funkelnden Au.
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Ein neuer Mensch, trat ich ins Haus
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und fand das lockige Mädchen da,
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Das schüchtern mir und ungewohnt,
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wegfliehend in die Augen sah.

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O süße Stunde, die das Herz
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vom Herzen voller Sehnsucht reißt!
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O Trennung, die schon im Entstehn
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auf schrankenlos Vereinen weist!
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Zieht ein mit eurem ganzen Hof,
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o Liebesweh, o Seligkeit!
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Zieht klingend ein, hier ist für euch
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ein offnes Feld und gute Zeit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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