Rauh geht der Nord, es dunkelt allerenden

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Gottfried Keller: Rauh geht der Nord, es dunkelt allerenden Titel entspricht 1. Vers(1845)

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Rauh geht der Nord, es dunkelt allerenden;
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Jetzt eben hinter jenen Wolkenwänden,
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Dort muß die Sonne untergehn;
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Dort ist's nun abendklar und goldenhelle,
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Dort sind nun Lilie, Rosenhag und Quelle
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Im

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Hier aber ist ein kaltes Wehn und Brausen,
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In dunkler Luft die scheuen Wälder sausen,
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Die Bäche toben durchs Gestein.
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Dicht auf der Heide kühle Winde streichen,
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Asketisch beugen sich die ernsten Eichen,
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Die Nacht wankt finster in das Land herein.

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Ich kenne kaum den Grund zu meinen Füßen,
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Doch hör ich schon die Regenströme gießen,
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Es weint das tiefverhüllte Land.
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In meinem Herzen tönt die Klage wider,
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Und es ergreift mich, wirft zum Staub mich nieder,
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Und meine Tränen rinnen in den Sand.

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O reiner Schmerz, der in den Höhn gewittert,
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Du heil'ges Weh, das durch die Tiefen zittert,
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Ihr schloßt auch
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Ihr habt zu mir das Zauberwort gesprochen
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Und meinen Hochmut wie ein Rohr gebrochen,
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Und ungehemmt strömt meiner Tränen Lauf.

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Du süßes Leid, hast ganz mich überwunden!
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Welch dunkle Lust, die ich noch nie empfunden,
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Ist glühend in mir angefacht!
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Wie reich bist, Muttererde! du zu nennen:
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Ich glaubte deine Herrlichkeit zu kennen,
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Nun erst schau ich in deinen tiefsten Schacht.

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Da leuchtet es in düsterm Strahlenkranze,
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Da funkelt es von mildem Tränenglanze,
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Und tief der Wehmut Gold erglüht.
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Wie flimmern da der Sehnsucht blaue Kerzen!
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Und die Entsagung glänzt in harten Erzen,
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Ergebung sanft in feinen Adern blüht.

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Gebrochner Stolz klagt wie in Grabesklängen,
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Doch Demut wacht in den geheimsten Gängen,
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Als mildes Grubenlicht entbrannt.
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Die oben nicht zum Leben Raum gefunden,
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O was für Liebe schläft und träumt da unten,
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Friert endlich ein zu hartem Diamant!

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Und leise schallen hör ich ferne Tritte,
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Es naht sich mir mit leichtbeschwingtem Schritte
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Durch die geheim erhellte Nacht;
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Weiß, wie entstiegen einem frischen Grabe,
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So wandelt her ein schöner schlanker Knabe,
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Einsamer Bergmann in dem stillen Schacht.

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Willkommen, Tod! dir will ich mich vertrauen,
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Laß mich in deine treuen Augen schauen
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Zum ersten Male fest und klar!
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Wie wenn man einen neuen Freund gefunden,
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Kaum noch von der Verlassenheit umwunden,
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So wird mein Herz der Qual und Sorge bar.

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Tief schau ich dir ins Aug, das sternenklare.
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Wie stehn dir gut die feuchten, schwarzen Haare,
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Wie weiß ist deine kühle Hand!
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O lege sie in meine warmen Hände,
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Dein heil'ges Antlitz zu mir nieder wende –
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Wohl mir! ich habe endlich dich erkannt!

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Ob mir auch noch beglückte Stunden schlagen,
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Ich will dich heimlich tief im Herzen tragen;
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Und wo mich einst dein Gruß ereilt:
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Im Blütenfeld, im schimmervollen Saale,
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Auf stillem Bett, im schlachterfüllten Tale,
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Ich folge dir getrost und unverweilt!

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So wachet auf, ihr hellen Morgenlieder!
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Ich aber leg mir um die Stirne wieder
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Des Stolzes unfruchtbaren Kranz.
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Der Welt mit Weltsinn nun entgegen gehen
71
Will ich; doch innen blüht mir ungesehen
72
Der Todesdemut still verborgner Glanz!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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